08.10.2008 · Die Kunstwelt war farbiger, als es sich viele Gelehrte denken: Mit Originalen, an denen Pigmentreste erkennbar sind, und Rekonstruktionen wartet im Liebieghaus eine spektakuläre Schau über die Wahrheit der antiken Skulptur auf.
Von Michael HierholzerVom Alten bis zum Neuen Reich: Ägypten war bunt. Seine Religion, seine Sitten, seine Kunst und unsere Vorstellungen von alledem sind voller satter, geheimnisvoller und doch auch wirklichkeitsgetreuer, lebensnaher Farben. Die griechische und römische Antike dagegen ist in das Marmorweiß der Skulpturen gehüllt, die uns überliefert sind und an denen sich die klassizistischen Bildhauer orientiert haben, um die vermeintliche Reinheit und ideale Schönheit der Bildhauerwerke des Altertums noch auf die Spitze zu treiben.
Trotz vieler Belege, die von der Farbigkeit der plastischen Werke aus Griechenland und Rom zeugen, hielt sich bei den gebildeten Ständen hartnäckig Johann Joachim Winckelmanns Überzeugung von der immateriellen Oberfläche der in Stein gemeißelten oder in Bronze gegossenen Körper. Die Kunst jener Epochen wurde mit einem Nimbus umgeben, der ihren Sonderstatus deutlich machte: So entrückt und hehr diese skulpturalen Arbeiten mitsamt den Tempeln, die sie zierten, waren, so dem Geist verwandt, in Ideen eher als in der sinnlichen Anschauung der Welt wurzelnd, wurden sie verstanden. In Wirklichkeit jedoch entsprach diese Kunst einem medialen Bedürfnis der Menschen, das womöglich eine anthropologische Konstante ist und uns Heutigen vertrauter ist als dem 18. oder 19. Jahrhundert: Die Akropolis hoch über Athen war eine überwältigende Inszenierung nicht nur von Formen, sondern auch von Farben, ein je nach Blickwinkel sich wandelndes buntes Spektakel, ein dreidimensionales Großobjekt, dessen Bemalung deshalb so grell war, damit sie aus der Entfernung ihre Wirkung entfalten konnte.
Der Farbigkeit auf die Schliche gekommen
Durch die gesamte künstlerische Moderne zieht sich ein Purismus, den einst Winckelmann auf den Begriff gebracht hatte - „edle Einfalt, stille Größe“. Der Gedanke des Unverstellten, Unverfälschten, Unbefleckten kam Künstlern zupass, die nach Erneuerung, wenn nicht nach einem gänzlichen Neubeginn strebten. So kann die Bedeutung der Kykladen-Figuren für die Plastik, aber auch die Malerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gar nicht überschätzt werden - Picasso, Hans Arp, Brancusi, Modigliani sind nur einige Namen unter vielen, die sich dem archaischen, dafür umso kraftvoller in Erscheinung tretenden Stil aus der griechischen Archaik verschrieben haben. Die reine Form, so dachte man, brachte in fernvergangenen Zeiten unvermittelt zum Ausdruck, was den Menschen im Innersten bewegt. Aber die Forschung hat mittlerweile festgestellt, dass es sich bei den flächigen Plastiken von der Inselgruppe in der südlichen Ägäis um nichts anderes als einen Malgrund handelt: Die Figuren waren so bunt wie jene, die in späteren Jahrhunderten aus den Werkstätten der Bildhauer kamen.
So setzt die Ausstellung „Bunte Götter, die im Frankfurter Liebieghaus ihren nunmehr zwölften Auftritt hat, mit Beispielen aus der ägyptischen Kunst ein und präsentiert gleich am Anfang auch ein Kykladen-Idol aus den Beständen des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe. Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung im Liebieghaus und vormals an der Münchener Glyptothek tätig, hat 2003 die Schau in der bayerischen Landeshauptstadt eingerichtet. Seither haben sich die Methoden, mit denen man der Farbigkeit der antiken Skulpturen auf die Schliche kommt, verfeinert: Mittlerweile lässt sich sogar die ursprüngliche Bemalung selbst dann nachweisen , wenn keine Pigmentreste mehr zu finden sind. Daher hat die Forschung in den vergangenen zwei bis drei Jahren große Fortschritte erzielt, wie Brinkmann erläutert.
Überraschendes Haupt des Caligula
Die Skulpturen waren wohl in der Regel ganz bemalt, selbst dort, wo man weiße Stellen wünschte, haben die Statuenmaler nicht den Marmor sprechen lassen, sondern Bleiweiß eingesetzt. Glaubt Brinkmann etwa auch, die Athena des Myron, das Paradestück des Liebieghauses, sei bemalt gewesen? „Ich glaube es nicht, ich weiß es“, lacht der Wissenschaftler. Die Römer hätten bei ihren Kopien griechischer Skulpturen akribisch darauf geachtet, die Originalfarben zu benutzen. Zwar ist auch die Athena Teil dieser für Frankfurt modifizierten und mit der Rekonstruktion des „Perserreiters“ von der Akropolis um ein wesentliches Ausstellungsstück erweiterten Schau. Vom Standbild dieser Göttin gibt es aber noch keine Farbversion. Dafür von vielen anderen Werken der Antike, wobei der Schwerpunkt der Präsentation auf der vorklassischen Periode liegt.
Neben grellbunten Nachbildungen finden sich etliche Originale in den ganz und gar schwarz gestrichenen Räumen des Museums, Torsi und Köpfe, an denen sichtbare Spuren der einstigen Bemalung vorhanden sind. Besonders überraschend das Haupt des Caligula, dessen Haare als Vorzeichnung zu erkennen sind. So wundert es kaum, dass im 19. Jahrhundert die farbige Fassung der Skulpturen ein Gegenstand der Forschung war. Schließlich zeigt die Schau auch eine Vase, auf der unverkennbar ein Statuenmaler seine Arbeit verrichtet. Und auch in der antiken Literatur ist von den bunten Göttern und Helden die Rede. Aber die Einsicht ins farbige Wesen des Altertums setzte sich partout nicht durch. So werden in der Ausstellung auch archäologische Forschungs- und Rezeptionsgeschichte zum Thema, desgleichen die technischen Hintergründe von Farbgewinnung, Farbauftrag und Farberkenntnis. Nie ging es bunter zu im Liebieghaus.