11.04.2006 · Neun Künstler von den Bahamas zeigen im Nassauischen Kunstverein ihre Werke. Darunter ein Stück Karibikstrand, das nach dem Ende der Schau zurückgebracht wird.
Von Christoph SchütteNa, da werden die Karibik-Urlauber aber Augen machen. Wenn sie beim Spaziergang, Muschel- oder Strandgutsuchen statt all der bunten reservierten Badetücher plötzlich über eine Plane stolpern: „Dieser Strandabschnitt“, steht da geschrieben, irgendwo auf den Bahamas, „ist vorübergehend als Leihgabe in einer internationalen Ausstellung. Wir bitten Sie, die dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“
Der junge, in London ausgebildete Blue Curry hat den weißen Sand hier abgegraben und ihn Sack für Sack und gleichsam als Privatstrand für die sonnenhungrigen Besucher im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden aufgeschüttet - um ihn freilich am Ende wieder in seine Heimat zu verschiffen.
So schlicht und doch komplex, hochironisch und zugleich formal sehr einleuchtend wie Currys „Like taking sand to the beach“ kommen beileibe nicht alle Arbeiten der neun Künstler von den Bahamas daher, die derzeit in der Ausstellung „Funky Nassau“ zu sehen sind. Und doch ist die von Amanda Coulson eingerichtete Schau nicht nur der wohl überraschendste, sondern auch einer der facettenreichsten und damit zweifellos anregendsten Beiträge zum 200. Jahrestag der Gründung des Herzogtums Nassau in Wiesbaden. Denn dem tradierten Bild vom Inselparadies widersetzen sich alle beteiligten Maler, Bildhauer, Installations- und Medienkünstler.
Klischeebilder von Sonne, Strand und Meer
Statt dessen sind es Fragen der Identität, des historischen Erbes einer erst seit 33 Jahren unabhängigen Nation sowie das bewußt inszenierte Spiel mit den Klischees vom Touristenparadies, das die Arbeiten der für eine neue Generation stehenden Künstler auszeichnet. Während etwa Antonius Roberts' vor dem Kunstverein würdevoll und stumm Wind und Wetter trotzende „Heilige Frauen“ oder Lillian Blades' Installation mit leuchtend farbigen Stoffen auf das afrikanische Erbe und mithin die Sklaverei verweisen, John Beadle oder der in Schweden lebende Michael Patrick Edward das Thema Migration mal poetisch, mal drastisch visualisieren, bringt Dionne Benjamin-Smith die Erwartung des Betrachters wie das ihrer Landsleute an karibische Kunst ironisch auf den Punkt.
Wie beim fliegenden Händler hat sie Klischeebilder von Sonne, Strand und Meer, von Palmen und malerisch von Bougainvilleen gesäumten Gärten an die Leine gehängt und mit auf den Bahamas „gefundenen“ Erläuterungen versehen: „This is real Bahamian art“ oder „No abstract art here“ ist da zu lesen, als gelte es, die Gemüter der wahren, freilich von der Kunst mitunter arg geplagten „Kunstliebhaber“ unter den Touristen zu beruhigen. Dafür, für die abstrakte Kunst nämlich, steht derweil John Cox, dessen Holz, Steine oder Korallen integrierende „Black Paintings“ in erdigen Tönen die einzige im engeren Sinne malerische Position der Schau markieren.
Weltpolitischer Kontext
Clive Stuart rückt dagegen die Vorstellung vom unberührten Inselparadies in einen weltpolitischen Kontext. Und kommentiert mit der Installation „Blood, Sweat & Tears, Made in the U.S.A.“ nicht nur das komplexe Verhältnis der Bahamas zu den nahen Vereinigten Staaten, sondern auch auf ein wenig arg pädagogische und doch beklemmende Weise die Wahrnehmung des Irak-Kriegs als fernes Ereignis ohne Bedeutung für den Betrachter. Und nicht zuletzt ist es die Videoinstallation Heino Schmids, die einen nachhaltigen Eindruck hinterläßt. Wasser, nichts als Wasser zeigen die flankierenden Projektionen auf den ersten Blick. Und einen Tropfen Blut in mikroskopischer Betrachtung. Das ist der Rahmen, in dem der in Nassau geborene Sohn eines Deutschen und einer Bahamaerin seine lapidar anmutende und doch an die Grenzen der Identitätsfindung führende Performance projiziert.
Zwei Gläser Wasser trinkt der Künstler im Verlauf der wenigen Minuten, gefüllt mit Wasser aus dem Rhein und aus dem Meer vor den Bahamas. Das ist im Grunde auch schon alles. Doch „Malaise“, so der Titel der Arbeit, das ist ein schlichtes, konzentriertes und zugleich frei von jedem Pathos inszeniertes Martyrium, ein Selbstversuch von kompromißloser Intensität, vorgeführt in unendlicher Wiederholung. Und buchstäblich bis kurz vor dem Erbrechen. Das Wasser der Karibik, mag man angesichts der Qual des Künstlers denken, mag funkeln, wie es will. Aus anderer Perspektive ist es ähnlich trübe wie unser alter Vater Rhein.