Wer eine Ausstellung vorbereitet, muß in manchen Fällen detektivische Fähigkeiten entwickeln. So geht es derzeit auch Maraike Bückling. Die Kunsthistorikerin im Liebieghaus wird dort von Mitte November dieses Jahres bis Mitte März 2007 „Die phantastischen Köpfe des Franz Xaver Messerschmidt“ zeigen - und sucht dringend das verschollene Porträtrelief des Wiener Reichshofrats Heinrich Christian von Senckenberg, des Bruders des großen Frankfurter Stifters.
Der Begriff des Phantastischen im Titel dieser Schau ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. Denn zum einen sind es die eindringlichen und gnadenlos realistischen Bilder menschlicher Affekte, denen dieser Wiener Bildhauer (1736 bis 1783) seinen Ruhm verdankt. Messerschmidts grimassierende, verbissen oder gequält dreinblickende Charakterköpfe waren mit ihrer phantastischen „Ästhetik des Häßlichen“ im 19. Jahrhundert besonders populär.
Hellwacher Blick
Denn kaum ein anderer Künstler hat es vermocht, den mimischen Ausdruck seelischer Regungen auf so faszinierende, auch bestürzende Weise festzuhalten. Messerschmidt-Köpfe dieser Art werden im Liebieghaus in einer Fülle präsentiert werden, wie man sie in Frankfurt bisher noch nie gesehen hat: Vom Erzbösewicht über den Satirikus, den finsteren alten Mann, den Gähner und viele andere bis zu jenem Herrn, der sehr sichtbar als „Ein mit Verstopfung Behafteter“ erscheint.
Dieser wohl eigenständigste österreichische Bildhauer seiner Epoche hat zum anderen - und nicht geringeren Teil - aber auch wunderbare, ungewöhnlich lebensvolle Porträtbüsten prominenter Zeitgenossen geschaffen und damit am Hofe von Maria Theresia schönste Erfolge gefeiert. Messerschmidts hohe psychologische Einfühlungsgabe, sein offenbar hellwacher, das Wesentliche eines Menschen stets genau erfassender Blick zeigen sich auch in diesen meisterhaften, im Wortsinne plastischen Portrtäts. Bei seinen zahlreichen ehrenvollen Auftragsarbeiten, dem großen Standbild etwa, das er von Kaiserin Maria Theresia schuf, oder den Porträtbüsten der würdigen Herren Herren Gerard van Swieten oder Franz von Scheyb, verbot es sich aber selbstredend, die aristokratischen Physiognomien auch nur andeutungsweise karikierend darzustellen.
Wo ist das Reliefporträt?
Für ihre Ausstellung ist Maraike Bückling nun auf der Suche nach dem besonders kunstvollen und sprechenden Reliefporträt, das Franz Xaver Messerschmidt für das Grabmal des 1768 gestorbenen Wiener Reichshofrats Heinrich Christian von Senckenberg schuf. Seit 1958 ist das runde Bildnis mit einem Durchmesser von 57 Zentimetern aber leider verschollen. Immerhin ist die Geschichte des Kunstwerks genau erforscht. Messerschmidt schuf das lebensgroße Bildnis des aus Frankfurt stammenden berühmten Wiener Rechtsgelehrten angeblich nach einer schlechten Miniatur. Dennoch erntete er höchstes Lob.
Das komplette Grabmal stand zunächst im evangelischen Teil des kaiserlichen Friedhofs am Alsergrund in Wien. Nachdem Kaiser Joseph II. die innerstädtischen Friedhöfe aufheben und die Gräber vernichten ließ, brachte die Familie das Epitaph in das Haus der Witwe, wo es bis zu dessen Verkauf 1799 stand. Senckenbergs Sohn Renatus transportierte daraufhin das Grabmal nach Frankfurt, um es neben dem Grab seines Onkels, Johann Senckenberg aufzustellen, was der Stiftungsrat allerdings verweigerte. Und so gelang es ihm nur, das Grabmal in die alte Stadtmauer neben dem Botanischen Garten einmauern zu lassen. Damals waren die beiden Putti, die Senckenbergs Bildnis hielten, bereits verschwunden.
1907 wurde das Grabmal schließlich in die Wand der Kapelle des Neuen Bürgerhospitals eingelassen, das zur Senckenbergischen Stiftung gehört. Dort blieb es bis zur Renovierung der Kapelle im Jahr 1958 und erhielt dann einen neuen und endgültigen Platz an der Außenwand des Krankenhauses - nur leider ohne das Reliefporträt, das seither verschollen ist. Aber Maraike Bückling ist hoffnungsvoll: Dieses bedeutende Kunstwerk von Messerschmidt mit einem so deutlichen Frankfurt-Bezug gehört einfach in ihre Ausstellung und muß doch zu finden sein.

