08.03.2011 · Mit geradezu manischer Lust trägt Karsten Bott seit vielen Jahren zusammen, was andere wegschmeißen, aussortieren, als wertlos erachten. Die Ausstellung „Von Jedem Eins“ präsentiert sein gewaltiges Archiv in der Kunsthalle Mainz.
Von Katharina Deschka-HoeckVon Kieselsteinen, Kristallen, Goldwaschpfannen und brauner Erde in einem Eimer wandert der Blick weiter zu Ufo-Magazinen, einem Science-Fiction-Lexikon, einer Rakete und einer Diercke-Weltkarte, wie sie in vielen Schulen hing. Eine Reihe von Globen zeigt die Erde, künstliche Blumen und ein Pflanzenführer künden davon, was auf ihr wächst, Gießkannen, Harken und Düngemittel sind dazu da, die Flora zu pflegen. Mit geradezu manischer Lust trägt der 1960 in Frankfurt geborene Karsten Bott seit vielen Jahren zusammen, was andere wegschmeißen, aussortieren, als wertlos erachten, vergessen haben. Sein seit 1988 bestehendes „Archiv für Gegenwarts-Geschichte“ umfasst mittlerweile mehr als eine halbe Million Objekte aus dem täglichen Leben, die er katalogisiert und in Bananenkisten und Regalen in einer Halle aufbewahrt.
In der Mainzer Kunsthalle hat Karsten Bott, der bei Peter Kubelka an der Städelschule studierte, nun auf 600 Quadratmetern die Möglichkeit, etwa 300. 000 seiner Gegenstände fein nebeneinander auf dem Boden hingebreitet auszustellen. „Von Jedem Eins“, so der Titel der Schau, ist die größte Präsentation seines Archivs, die es bisher gab.
Dosen, Joghurtbecher, Milchtüten - Dosen, Spiele und Pornos
Ein Holzsteg führt den Besucher über die gewaltige Flut von großen und kleinen Gegenständen hinweg, bietet ihm einen Überblick, schafft angenehme Distanz zur überbordenden Fülle und lässt ihn von dort oben erkennen, dass alle Objekte säuberlich sortiert sind nach Themen wie Wohnung, Kleidung, Sport, Verkehr, Medien, Kultur, Medizin, die nahtlos ineinander übergehen: An Hunderte Verpackungen - Dosen, Joghurtbecher, Milchtüten, Bierflaschen - schließen sich beispielsweise Babykleider und Spielsachen ebenso an wie Bierdosen, Spiele und Pornohefte. Und neben hochgetürmten Zigarettenschachteln liegt, fast mahnend, ein Buch über „Krebs - Ursachen, Erkennung, Verhütung, Heilung“, wiederum gefolgt von Röntgenbildern, Krankenliege und Medikamentenschachteln.
Nicht etwa ein Messie ist hier also zugange, der sich von nichts trennen kann, sondern hinter den akkurat angeordneten Exponaten steht eine planvolle Sammeltätigkeit, die Bott veranlasst, bestimmte Dinge nicht nur auf dem Flohmarkt oder bei Haushaltsauflösungen zu erstehen, sondern auch bei Ebay gezielt zu ersteigern. So entreißt er die Dinge dem Kreislauf von Produktion, Erwerb, Gebrauch, Verschrottung und fügt sie in eine fortlaufende Enzyklopädie. Sie erhalten einen Wert an sich und werden in der Ausstellung ohne Unterscheidung, ohne Hierarchie präsentiert. Ein Zimmerbrunnen ist so wichtig wie eine Kachel, eine handschriftliche Notiz so wertvoll wie ein Stapel alter Illustrierter, ausrangierte Fensterrahmen so bedeutend wie Dosenöffner, ein Gewürzregal aus den Siebzigern, Blümchentassen, orangefarbene Salzstreuer, Teller, Dosenöffner, Telefone.
Sachen, die uns umgaben
Schon Duchamp hat gewöhnliche Alltagsgegenstände als Kunstwerke präsentiert. Und noch immer funktioniert die Zurschaustellung im fremden Zusammenhang: Die Dinge entfalten ihre Magie, ihren Zauber, ihre Geschichte erst in der Ausstellungshalle - bei Bott allerdings in beunruhigender Anzahl. Der Betrachter sieht, entdeckt und staunt: einen ausgestopften Fuchs, die Plastiktüten längst verschwundener Geschäfte, ein vor Tollwut warnendes Schild, Hochzeitsfotografien, Fischreusen, Mistgabeln, eine alte Bürste voller blonder Haare, ausgetretene Schuhe - Gebrauchsspuren machen die Gegenstände noch wertvoller.
Denn es sind Sachen, die uns umgaben, Dinge, die einmal wichtig waren, die uns prägten und an die wir uns gerne erinnern. Auf dem Boden flächendeckend ausgelegt, eröffnen sie einen weiten Raum für Assoziationen, lassen einen immer wieder Neues entdecken. Am Ende sogar einen beschrifteten Grabstein. Und so wird deutlich: Es geht um das Verschwinden aller Menschen und mit ihnen das Verschwinden aller Dinge. Dagegen, gegen die Vergänglichkeit, kämpft Karsten Bott an.
Katharina Deschka-Hoeck Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
Jüngste Beiträge