24.09.2008 · Die erstaunliche Ausstellung „Becoming Istanbul“ lädt im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zur multimedialen Stadtbesichtigung. Zwischen Teestuben und Stränden wird der Besucher zum Flaneur.
Von Rainer SchulzeViele verschlungene Pfade führen nach Istanbul. An drogenabhängigen Straßenkindern, hektischen Verkäufern auf einem Wochenmarkt, prunkvollen Villen in einer „Guarded Community“ und schmutzigen Stränden führen sie vorbei. Durch Teestuben und enge Gassen geht es. Schlanke Minarette und schlichte Shopping Center begegnen, von Satellitenschüsseln übersäte Wohnblocks und schicke Neubauviertel. Das alles ist Istanbul. Und noch viel mehr. Die Stadtansichten flackern im ersten Obergeschoss des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt über die Wand, in achtfacher Ausführung. Die Steuerung übernimmt der Zuschauer. Mit der Computermaus navigieren die Besucher der erstaunlichen Ausstellung „Becoming Istanbul“ durch die Stadt am Bosporus, die in Form von Videos, Fotostrecken und Zeitungsartikeln besichtigt wird. Flaneuren gleich streichen die Besucher durch die Metropole und lassen sich ziellos treiben.
Viele Wege führen nach Istanbul, nicht zwei gleichen einander
Viele Wege führen nach Istanbul, nicht zwei gleichen einander. Wie viele es genau sind, diese Rechnung haben die Kuratoren den Mathematikern überlassen. Denn theoretisch lassen sich fast unzählige Kombinationen bilden, die Stadt zu erkunden. Eine Mitarbeiterin immerhin hat sich die Mühe gemacht, sämtliche hundert Videofilme, 65 Fotostrecken und 40 Architekturprojekte zu betrachten. Hinzu kommen wohl an die zweihundert Zeitungs- und Zeitschriftenartikel. Mehrere Tage könnte man im Architekturmuseum vor den Bildschirmen verbringen, bis man alles gesehen hat. Es gibt gute Gründe, dies zu tun.
Den Kuratoren ist etwas Bemerkenswertes gelungen. Sie repräsentieren das Unrepräsentierbare. Durch das Nebeneinander der acht Projektionen schielt der Besucher unweigerlich auf das „Istanbul“ des Nachbarn. So entsteht der paradoxe Eindruck der Gleichzeitigkeit, als bewegte sich der Betrachter auf vielen verschlungenen Pfaden. Und wenn der Ton hinreichend laut eingestellt ist, schallt das Markttreiben von links, der Strandtag von rechts, während vor einem ein Akkordeon spielt: die Polyphonie der Stadt.
„Becoming Istanbul“ wird anlässlich der Buchmesse, deren Gastland die Türkei ist, in Kooperation mit der Istanbuler Garanti Galeri gezeigt. Es ist eine Annäherung an die klischeebeladene Metropole, die Klischees bewusst aussparen möchte. Die Kuratoren, die Direktorin der Garanti Galeri, Pelin Dervis, sowie die Architekten und Architekturhistoriker Bülent Tanju und Ugur Tanyeli, zeigen nicht das historische Istanbul und rücken auch nicht die zeitgenössische Architektur in den Mittelpunkt, sondern sozusagen die ganze Stadt. So entsteht ein facettenreiches Netz, das dem Wesen der Stadt nahekommt. Es ist ein Versuch, den kulturellen Zustand der Metropole aus unterschiedlichen Perspektiven zu visualisieren. Die einzelnen Bilder bleiben notgedrungen Fragmente, doch gemeinsam sind sie Teil eines Netzwerks, das die Pluralität der Stadt abbildet.
Als Datenbank im Internet
Flankiert wird diese interaktive, multimediale Installation von zwei Projektionen, in denen Istanbul mit animierten Karten und Statistiken in die globale Dimension eingebettet wird. Rubriken wie „internationale Zuglinien“ verbinden Istanbul mit Amsterdam und München. Und auch mit Frankfurt.
Wie eine Stadt wächst, an einer Stelle abreißt und an der anderen Stelle ihre Tentakel ausstreckt, wuchert auch die Ausstellung. Laufend werden neue Videos, Artikel und Fotostrecken hinzugefügt, wird das Material um aktuelle Künstlerarbeiten ergänzt. Auf ihrer zweiten Station im Herbst 2009 wird „Becoming Istanbul“ als Eröffnungsausstellung eines neuen Kulturzentrums in Istanbul gezeigt. Und 2010 soll die Schau dann als Datenbank im Internet stehen.
Bis 9. November Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.