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Archäologisches Museum Das Räuberboot

21.03.2007 ·  Mit dem Kriegsschiff von Hjortspring überfielen Wikinger-Vorfahren vor mehr als 2000 Jahren die Insel Alsen. Sein Nachbau ist im Archäologischen Museum Frankfurt zu sehen.

Von Hans Riebsamen
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Erbarmen! Die Wikinger kommen! Dieser Ruf ist im Mittelalter oft ausgestoßen worden. Wenn die Segel ihrer Schiffe auftauchten, brach in Europas Städten und Dörfern von England bis Sizilien in regelmäßigen Abständen Panik aus.

Schon tausend Jahre vor den klassischen Wikingern war das Räubern ganz offensichtlich auch die Lieblingssportart ihrer Vorfahren, die die Historiker und Archäologen in Ermangelung schriftlicher Zeugnisse ganz allgemein Nordgermanen nennen. Vor knapp zweieinhalbtausend Jahren, ungefähr 350 vor Christus, zwängten sich mehr als 60 solcher germanischen Räuber vermutlich aus dem Raum Hamburg in drei Boote, paddelten über die Ostsee Richtung Dänemark und griffen eine Siedlung auf der Insel Alsen an. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich und überwältigten die Angreifer.

Vorgänger der Wikinger-Segelschiffe

So jedenfalls interpretieren Archäologen die Funde aus dem „Hjortspring“, dem Hirschsprungmoor, die dänische Archäologen dort 1921 und 1922 bargen: Waffen, Schmuck, Gefäße, Werkzeuge – und ein Boot. Dieses Boot ist jetzt im Archäologischen Museum Frankfurt zu sehen. Genauer gesagt: ein Nachbau in Originalgröße mit dem Namen „Tilia Alsie“, der sich am nur noch zu 30 Prozent erhaltenen Original orientiert, das im Nationalmuseum Kopenhagen ausgestellt ist.

„Das Kriegsschiff aus dem Opfermoor“, so auch der Titel der Frankfurter Schau, ist das älteste erhalten gebliebene germanische Boot, ein Vorgänger der späteren Wikinger-Segelschiffe, mit denen die Nordmänner seit 800 nach Christus auf Plünderfahrten gingen. Nachgebaut haben das 18 Meter lange und zwei Meter breite Kriegskanu – es wurde von vermutlich 18 Männern gepaddelt, nicht gerudert – historisch interessierte Bewohnern der Insel Alsen.

Die Wassertüchtigkeit ihres Nachbaus wollte Egon Wamers, der Frankfurter Museumsleiter, eigentlich auf dem Main demonstrieren lassen. Doch es war mühsam genug, das riesige Boot mit einem Kran in die Karmeliterkirche zu befördern. Die Besucher dürfen aber ruhig glauben, dass es schwimmt. Bei Testfahrten hat es sich als stabil und wendig erwiesen, die Paddler konnten mit ihm eine Sprintgeschwindigkeit von bis zu acht Knoten erzielen und an einem Tag 50 Seemeilen zurücklegen – ganz offensichtlich ein ideales Räuberboot.

Glücksfall der Archäologie

Von dem gescheiterten Überfall auf die Insel Alsen vor 2350 Jahren wissen wir deshalb, weil die frühen Nordgermanen einer seltsamen Sitte anhingen. Besiegten sie einen Feind, eigneten sie sich dessen Reichtümer nicht an, sondern opferten sie als „Kriegsbeuteopfer“ vielmehr den Göttern, indem sie sie zum Beispiel in Moore versenkten.

Der Fund vom Hjortspring-Moor gilt als Glücksfall der Archäologie, schließt das Kriegsschiff doch eine Lücke bei der Entwicklung der Schifffahrt vom Einbaum zum großen Wikingerschiff. Selbstverständlich werden im Archäologischen Museum auch andere im Moor gefundene Objekte gezeigt. Doch sie sind in Vitrinen gesichert. Die „Tilia Alsie“, das Kriegsschiff aus dem Opfermoor, dürfen die Besucher dagegen anfassen und auf seine Stabilität prüfen. Experimentelle Archäologie.

„Das Kriegschiff aus dem Opfermoor“ ist im Archäologischen Museum Frankfurt, Karmelitergasse 1, bis zum 24. Juni dienstags bis sonntags von 10 bis 17, mittwochs von 10 bis 20 Uhr zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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