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Archäologie Ein Doppelmord im alten Nida

27.10.2007 ·  18 Fundstücke aus Frankfurts Erde - 18 spannende Geschichten aus ferner Zeit. Eine Ausstellung im Archäologischen Museum belegt, wie reich die Stadt und wie wichtig der Schutz von Bodendenkmälern ist.

Von Hans Riebsamen
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Der Mörder hat die Leichen in einen Brunnen in Nida geworfen. Mit welcher Waffe er dem Mann und der Frau den Schädel zertrümmerte, können die Ermittler nicht mit Sicherheit sagen. Über den Täter haben sie allerdings dank einer am Schauplatz gefundenen germanischen Glasperle eine Vermutung: Er dürfte ein alemannischer Krieger gewesen sein. Eines wissen sie indes mit Sicherheit: Der Mörder, wer immer er gewesen sein mag, ist längst tot. Denn die Bluttat von Nida geschah vor 1700 Jahren.

Die Skelette der beiden Opfer sowie eines ebenfalls damals zu Tode gekommenen Kindes haben Archäologen des Denkmalamtes allerdings erst 1993 entdeckt und geborgen. Jetzt liegen die zertrümmerten Schädel des Mannes und der Frau in einer Vitrine des Archäologischen Museums und erzählen den Besuchern eine fürchterliche Geschichte aus jenem stürmischen 3. Jahrhundert, als innerrömische Auseinandersetzungen und germanische Überfälle die Zivilbevölkerung der Stadt Nida bedrohten.

Antikes Graffiti

Die beiden Schädel und andere Fundstücke – Scherben, Bronzenadeln, Schmuckketten – berichten in der Ausstellung „Fund-Geschichten aus Frankfurter Stadtarchäologie 1986–2006“ aus uralter Frankfurter Zeit. Zu erlauschen sind tragische, aber auch lustige Geschichten wie jene vom ersten Schmierfinken dieser Stadt, der vor 1800 Jahren ein Graffiti in eine Hauswand im römischen Nida im heutigen Stadtteil Eschersheim einritzte. Wahrscheinlich handelte es sich um einen verliebten Burschen, der einer unerfüllten Sehnsucht auf diese auch heute noch beliebten Weise Ausdruck gab. „A AMAS“ – „du liebst“ konnten die Ausgräber entziffern – und gemeint hat der liebestolle Kritzelant wahrscheinlich eine „SIIPTVMIA“, ein Mädchen oder eine Dame namens Septumia. Aus den Häuserrelikten haben die Archäologen übrigens eine drei Meter hohe, in Fresko-Technik bemalte Mauer eines Portikus, eines Umgangs also, rekonstruiert. So lebten und liebten die Römer in Germanien.

Dreierlei kann man aus dieser bemerkenswerten Ausstellung lernen: Frankfurt ist seit der Jungsteinzeit bis heute ein beliebter Siedlungsort gewesen. Beim „Monte Scherbelino“ sind 1992 Grabhügel aus der Hallstatt-Zeit (800–450 v. Chr.) entdeckt worden, im heutigen Höchst befand sich in römischer Zeit ein Militärlager, in merowingischer Zeit war das Areal um den heutigen Dom ein Fürstensitz, und später erhob sich Frankfurt zur Kaiserstadt, denn hier wurde über Jahrhunderte das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt und gekrönt.

Zweitens beweist die Ausstellung, dass das vor zwanzig Jahren in Kraft getretene hessische Denkmalschutzgesetz unersetzbares Kulturerbe vor der Zerstörung durch Bagger bewahrt und die Denkmalschutzbehörde mit ihren obligatorischen Untersuchungen von archäologisch interessanten Bauplätzen für die Nachwelt einen Schatz von Kulturgütern anhäuft. Und drittens belegt die Schau nachdrücklich, dass Archäologie das Gegenteil von Langeweile sein kann.

18 „Fundgeschichten“

Ohnehin sind die Zeiten, da archäologische Museen Vitrinen voller Tontöpfe oder Armeen von römischen Spangen oder Kämmen dem geneigten Publikum präsentieren, vorbei. Archäologische Funde werden zumindest in Frankfurt seit langem in Zusammenhängen vorgestellt, so dass auch Laien etwas verstehen und ihre Freunde und ihren Erkenntnisgewinn haben können. In der neuen Schau „Fundgeschichten“, gemeinsam vom Denkmalamt und vom Archäologischen Museum erarbeitet, sind die Archäologen und Museumsleute noch einen Schritt weiter gegangen und erzählen einfach nur Geschichten. 18 Geschichten, deren Ausgangspunkt 18 zentrale Frankfurter Fundstücke aus den vergangenen 20 Jahre sind, Geschichten von fernen Zeiten, fremden Sitten und unaufgelösten Geheimnissen, von Hass, Liebe und Leidenschaft.

Wer vermag zum Beispiel zu erklären, warum jene beiden Frauen, deren Skelette vor einigen Jahren in Erlenbach ausgegraben wurden, sich im Grabe so traulich die Hand reichen? Was hat sie so verbunden, dass sie Anfang des 7. Jahrhunderts gemeinsam beerdigt wurden? Schwestern waren sie nicht, die gentechnische Untersuchung der Überreste hat ergeben, dass keine leibliche Verwandtschaft bestand zwischen der mit reichem Schmuck ausgestatteten 45 bis 50 Jahre alten Frau und ihrer eher ärmlich gekleideten Grabgenossin, die etwa zehn Jahre jünger war.

Handelt es sich um eine Herrin und ihre Dienerin? Doch warum sind sie gleichzeitig gestorben? Hat vielleicht eine Grippeepidemie sie hinweggerafft? Vertraut liegen die Köpfe der beiden Frauen zusammen – doch beweist dies keineswegs, dass sie einander vertraut waren. Ihre anrührende Körperhaltung könne auch daher rühren, dass der Verwesungsprozess sie einander näherrücken ließ, sagen die Archäologen.

Tausende Kubikmeter Erde umgewälzt

Mürrisch blickt das Gesicht auf einem Vorratsbehälter den Betrachter an. Passt es ihm nicht, dass er dem Boden Nieds entrissen wurde mitsamt einer Glasurne in seinem Bauch, die die Asche eines Verstorbenen enthielt? Einst schützte der Behälter wohl Mehl oder Öl, am Ende die Überreste eines Menschen. Gesichter auf Töpfen wehrten nach römischem Glauben Unheil ab, doch offenbar wirkte dieser Schutz zwei Jahrtausende später nicht mehr – sonst hätte er Andrea Hampel, die Frankfurter Chef-Archäologin ferngehalten. Hampel hat mit ihren Mitarbeitern vom Denkmalamt in den vergangenen zwanzig Jahren Hunderttausende von Scherben geborgen und gewaschen, hat mit ihnen Tausende von Kubikmeter Erde umgewälzt, Tausende von Bauanträgen geprüft.

Was sie jetzt zusammen mit Museumsleiter Egon Wamers unter der klugen Regie von Peter Fasold in der Karmeliterkirche bieten, ist eine Art Leistungsschau der Frankfurter Archäologie. Hier kann jeder sich davon überzeugen, dass durch das Buddeln der Denkmalpfleger und das Sammeln der Museumsleute Frankfurts stolze Vergangenheit dem Vergessen entrissen wird.

Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt vom 26. Oktober bis zum 3. Februar 2008.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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