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Anne Imhof : „Ich will, dass es eine Feier ist“

Lieblingsort: Die Künstlerin Anne Imhof in ihrem Atelier im Frankfurter Bahnhofsviertel Bild: Nadine Fraczkowski

Anne Imhof wird bei der Biennale von Venedig den Deutschen Pavillon bespielen. Das wird passen, wie die Frankfurter Künstlerin es gerne selbst ausdrückt.

          Das passt. Nicht dass Anne Imhof das Licht des Tages scheute, ohnehin am liebsten in trendigen dunklen Bars abhinge und mit ihren 38 Jahren noch das Bild des unartigen Mädchens kultivierte. Oder weil sie jetzt gerade jenem Bild entspräche, das man sich in den Medien nach ihren alle Maßstäbe von Raum und Zeit sprengenden Performances gerne macht: „Bonjour Tristesse“ etwa titelte die „Zeit“ nach der Premiere von „Angst II“ im Hamburger Bahnhof in Berlin, vom „Kalvarienberg der Gegenwart“ schrieb mit dem Verweis auf Brueghel gar die „Welt“, und in der Tat wirkt Anne Imhof, als sie uns im dunklen, rundum schwarz gestrichenen Café Plank im Frankfurter Bahnhofsviertel gegenübersitzt, ein wenig müde am Ende dieses aufregenden Jahres.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          So weit also die Angleichung der Wirklichkeit an das Klischee. Allerdings hat sie diesen Treffpunkt vor allem deshalb vorgeschlagen, weil sich das Café bloß einige Schritte entfernt von ihrem Studio im Atelierhaus „Basis“ findet und damit von gerade jenem Ort, wo sie „manchmal am liebsten einfach bleiben möchte“. Und zeichnen. Malen. Ganz klassisch eigentlich, wie sie es seit ihrer Jugend tut. Nichts sonst. Dabei ist sie nicht mit ihrer Malerei, sondern mit ihren performativen Arbeiten bekannt geworden, die mit Hilfe zahlreicher, meist aus ihrem Freundeskreis stammender Akteure entstanden. Darunter sind auch Performances mit lebenden Eseln, Hasen oder Falken. Choreographien möchte man das nennen, die sich im Prozess indes immer neu, immer ein wenig anders auch gestalten.

          Imhofs kometenhafter Aufstieg

          Immerhin, sagt Imhof, gehe es ihr nicht darum, dass sie „bestimmte Bilder im Kopf“ hätte und „ein Tableau vivant nach dem anderen“ in den Raum stelle. „Es ist eher wie in einer Band.“ Und in der Tat sind ihre schon mal über Stunden sich entfaltenden Arbeiten zwar inszeniert. Am Ende aber ist noch jeder Ort und jedes Publikum, ist die Verfassung der Performer auch und ist mithin jeder Abend anders, und bleibt im Prozess selbst viel Raum für spontane Improvisation. „Man könnte keine Person ersetzen“, sagt Imhof über die Kollaboration mit ihrem Team. „Die Arbeit würde anders aussehen.“ Und doch sei ihr die Zeit mit ihrer Kunst, mit sich alleine, durchaus wesentlich. Entstehen doch im Studio, um die Metapher von der Band ein wenig fortzuspinnen, erst die eigentlichen Songs. Nur hat sie dafür gerade wenig Zeit, ist dauernd unterwegs nach einem Jahr, das man dereinst womöglich einmal das ihres künstlerischen Durchbruchs nennen wird. Dabei hat Imhofs nachgerade kometenhafter Aufstieg genau betrachtet schon im Jahr 2012 mit dem Absolventenpreis der Städelschule begonnen. Seitdem geht es Schlag auf Schlag. Der „Parade“ im Portikus auf der Maininsel folgten ihr New-York-Debüt im PS 1 des Museum of Modern Art und, nach der „Ouvertüre“ in der Kölner Galerie Buchholz, die drei vielbeachteten Akte der von der Künstlerin selbst als „Oper“ bezeichneten performativen Ausstellungstrilogie „Angst“, deren dritter Teil, nach Basel und Berlin, erst jüngst in Montreal zu sehen war. Und jetzt also, als vorläufiger Höhepunkt, Venedig, wo sie im neuen Jahr auf der 57. Biennale von Mai bis November den Deutschen Pavillon bespielen wird.

          Manchmal, sagt Imhof und trinkt einen Schluck Tee, manchmal fühle sich das „echt krass“ an. Selbstverständlich ist sich die Künstlerin der mit all der Anerkennung und Aufmerksamkeit weiter und weiter steigenden Erwartungshaltung voll und ganz bewusst. Auch ein Grund womöglich für den Wunsch, sich ab und an für eine Weile ganz ins Atelier zurückziehen zu dürfen. Dabei gehe es doch in der Kunst eigentlich darum, „Dinge zu machen, die zu nichts nutze sind; die es geschafft haben, einfach da zu sein. Schön, wie eine alte Melodie.“ Allein, den Kunstbetrieb verlangt es, um im Bild zu bleiben, nun einmal nach immer neuen Strophen, Liedern, Stars und Interpreten.

          Welche Bilder werden bleiben?

          Auch und vielleicht gerade an einem Ort, an dem schon manche Künstler mal mehr, mal weniger grandios gescheitert sind. Venedig, der Deutsche Pavillon, sagt denn auch Imhof, sei mit seiner Architektur, sei mit seiner Geschichte auch „schon ein spezieller Ort“. Und für den Kontext der Biennale, für eine Künstlerin vor allem auch, deren Arbeiten „jedes Mal ein neues Bild“ vorstellen, das sich im Moment ereignet und im nächsten Augenblick wieder verblasst, gilt das in womöglich noch verstärktem Maße.

          Schließlich, so die frühere Meisterschülerin von Judith Hopf, könne sie nun einmal kaum ein fast sieben Monate dauerndes Stück inszenieren. Und doch solle bei aller der Performance notwendig eingeschriebenen Flüchtigkeit auch für spätere Besucher unbedingt erfahrbar bleiben, „was da jetzt war“, sich also hier ereignet hat. Und? Was wird sein, wenn am 13. Mai die Biennale ihre Tore öffnet? Und welche Bilder werden bleiben? „Ich will, dass es eine Feier ist.“ Nun, sonderlich konkret mag man das eigentlich nicht nennen. Und doch, was immer Anne Imhof damit sagen will: Es passt.

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