03.09.2006 · Es war kein guter Tag, um Bilder anzusehen. Kein Tag, um die Werke von Monet, Pissarro, Kirchner und Co. zu genießen. Aber es war ein guter Tag zum Feiern. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle hat zum Geburtstagsfest gerufen, und Tausende kamen.
Von Felix WadewitzMänner in Jogginghosen, Männer in Fußballtrikots, Männer mit Handy am Ohr. SMS-lesende Frauen, Frauen mit zu großen Hüten, Frauen mit schreienden Babys im Arm. Zu viele Männer, zu viele Frauen. Dieser Samstag ist kein guter Tag, um Bilder anzusehen. Kein Tag, um die Werke von Monet, Pissarro, Kirchner und Co. zu genießen. Kein Tag, um sich durch Paris treiben zu lassen. Aber es ist ein guter Tag zum Feiern.
Die Schirn hat Geburtstag, der Eintritt ist frei, und so strömen Tausende in die Frankfurter Kunsthalle. Das Volk besichtigt unentgeltlich, was es mit seinen Steuern sowieso mitbezahlt. Menschentrauben vor jedem Bild, Führungen mit viel zu vielen Teilnehmern. Das Interesse ist groß: 7000 Besucher kommen im Laufe des Tages in die Ausstellungen. „Die Eroberung der Straße“, diese wunderbare Paris-Berlin-Schau, wird erobert von den Besuchern, die zu weit weg stehen von den schönen Gemälden und sich sagen lassen müssen: „Die Handschrift von Maximilien Luce haben Sie ja schon erkannt.“
Kinderfest oder Wellness-Oase
Das Gedränge ist fast wie auf den großen Boulevards der beiden Hauptstädte, die Orientierung fällt schwer, und manch einer verwechselt Place de la Concorde mit Siegessäule. „Im Unterschied zum Flaneur läßt sich der Gaffer von allem, was er sieht, rasch ablenken“, steht auf einer Wandtafel. Flanieren, das klappt heute sowieso nicht, also schnell wieder raus.
Draußen, da riecht es nach Gegrilltem, nach Bratwurst und Steaks, Volksfestgeruch eben. Das Wetter hat wieder auf Sommer geschaltet, die Laune ebenso, die Menschen sind ausgelassen. Und die Kinder ohnehin. Irgendwie ist es ihr Tag. Kinderführungen, Kinder-Workshops, Kinder-Akrobatik, Kinder-Graffiti, Kinder-Schminken. Der Schirn-Geburtstag ist ein Kinderfest. Josh, drei Jahre, steht vor einer Staffelei und hält den Pinsel, als wolle er das Papier durchbohren. Die Tusche landet zuverlässig auf seiner Schürze, das Bild quietscht vor bunter Farbe. Josh hat Spaß, und das sieht man auch. Seine große Schwester steht zwei Schritte weiter, sie malt den Dom und findet: „Macht Spaß hier, kommst du mit klettern?“
Stunden später, Paris und Berlin sind noch immer belagert. Doch es gibt ja noch „Nichts“, die andere große Ausstellung in der Schirn. Viel zu sehen gibt es dort nicht, aber jede Menge zu entdecken. Boden, Wände, Decke - alles ist weiß gestrichen. Die Besucher knien und liegen auf dem Gang, viele haben Kopfhörer auf und lauschen der Audio-Führung durch den leeren Raum. An den Wänden hängen gerahmte, weiße Blätter. „1000 Hours of staring“, heißt so ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ziemlich genialer Blödsinn ist das, aber das sieht nicht jeder so. „Kaum zu glauben, daß die Leute sonst Eintritt für so etwas zahlen“, sagt eine Frau, schüttelt den Kopf und geht. „Faszinierend ist das hier“, findet eine andere Besucherin, „sonst wird man von den Reizen immer so überflutet, hier ist alles beruhigend.“ Die Schirn als Wellness-Oase.
„Kultur darf es nicht zum Nulltarif geben“
Und dann kommt einem plötzlich Rolf E. Breuer entgegen. Der frühere Chef der Deutschen Bank ist ein langjähriger, wichtiger Förderer der Schirn. Braungebrannt und bester Laune gibt er Auskunft: Gefällt ihm „Nichts“? „O ja. Wunderbar! Sehr spannend.“ Trifft die Ausstellung seinen Geschmack? „Überhaupt nicht.“ Er lacht. Matisse, Beckmann, Guido Reni - die Ausstellungen dieser großen Künstler haben ihm am besten gefallen, erzählt er. „Aber in der Abwechslung liegt ja der Charme der Schirn, wir können glücklich sein, daß wir sie hier in Frankfurt haben.“ Sagt er und schreitet davon.
Kinder rasen die Treppen hinunter. Väter wiegen ihre auf den Bauch geschnallten Babys in den Schlaf. Im Foyer der Schirn kommen und gehen die Leute, draußen leuchten die auf dem Dach montierten Geburtstagskerzen, drinnen sprechen die Festredner. „In New York spricht man heute nicht nur vom Finanzplatz Frankfurt, sondern auch von der Kulturstadt“, sagt Oberbürgermeisterin Petra Roth und meint einen Artikel in der „New York Times“ über die Paris-Berlin-Ausstellung. Sie lobt die ehemaligen und den amtierenden Direktor, erinnert an die großen Ausstellungen der vergangenen Jahre, und dann verspricht sie: „Wir unterstützen die Schirn auch in Zukunft, wir zahlen gerne für dieses Frankfurter Aushängeschild.“
20 Jahre, 157 Ausstellungen, 215.000 Besucher allein in diesem Jahr: Die Schirn ist erfolgreich, doch „Ausstellungen zu machen wird immer schwieriger und immer teurer“, berichtet Schirn-Chef Max Hollein. „Deshalb darf es Kultur nicht zum Nulltarif geben“, erläutert Christian Strenger vom Verein der Schirn-Freunde. Außer natürlich, wenn es etwas zu feiern gibt.