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„1002. Nacht“ in der Frankfurter Naxoshalle : Der schuldverstrickte Reformpolitiker

Willy Praml inszeniert in der Frankfurter Naxoshalle Hebbel und Zaimoglu. Bild: Wolfgang Eilmes

Die „1002. Nacht“ dauert immerhin vier Stunden: Willy Praml inszeniert in der Frankfurter Naxoshalle Hebbel und Zaimoglu. Ein Wechselspiel von Verhüllen und Enthüllen.

          Das hätte man sich ja denken können: Nicht jedem steht ein Tschador so gut wie Goethe. Im Foyer der Bornheimer Naxoshalle kann jetzt jede Zuschauerin vor Beginn der Vorstellung ausprobieren, ob sie sich unter dem muslimischen Kopftuch wohl fühlt. Der „Kopftuchstand“ und die Klassiker-Büste zählen zu den zehn Simultan-Schauplätzen der neuen Inszenierung von Willy Praml. Unter dem Motto „Die 1002. Nacht“ präsentiert der Leiter des nach ihm benannten freien Theaters den Mythos des Schleiers im Doppelpack: „Schwarze Jungfrauen“, zehn Monologe von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, sowie Friedrich Hebbels Tragödie „Gyges und sein Ring“ an einem Abend. Da der Regisseur rechtzeitig gemerkt hat, dass sein Publikum unmöglich alle zehn Monologe schaffen kann, gilt die Eintrittskarte für zwei Abende.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Zeit vergeht wie im Fluge. Ehe man sich’s versieht, sind vier Stunden um und man hat sich keine Minute gelangweilt. In den ersten anderthalb Stunden geleiten die Mitglieder des festen Ensembles die Zuschauer von Schauplatz zu Schauplatz durch die gesamte Halle. Doch bevor die „Jungfrauen“ mit ihren Monologen beginnen, trägt Reinhold Behling auf der „Herkulessäule“ die Arbeiten des Herakles vor; denn dieser Kulturbringer des griechischen Mythos gilt als Stammvater des lydischen Königs Kandaules, Hebbels schuldverstricktem Reformpolitiker. So schlägt Praml den szenischen Bogen von Zaimoglus verdichteten Interviews mit zehn jungen in Deutschland aufgewachsenen Musliminnen zu dem großen Pathos der entehrten lydischen Königin Rhodope.

          Wechselspiel von Verhüllen und Enthüllen

          Denn es geht nicht darum, ob der Schleier kleidsam ist oder nicht. Er ist weder modisches Accessoire noch Herrschafts-Insignie des Patriarchats, sondern mythisches Symbol. Er verhüllt das Heilige, Unantastbare, das sich in einer Frau verkörpert, die wie die indische Immigrantin Rhodope der Großen Mutter und Allverknüpferin huldigt und sich zuletzt der Feuergöttin Hestia opfert. Der Schleier ist Reliquie einer matriarchalen Ordnung. Wie sollte ein vorwärts drängender Geist solch archaisches Relikt würdigen können? Kandaules will seine Gattin anderen vorführen, um sich an dem Besitz ihrer Schönheit weiden zu können. Dabei verliert er über dem Stolz jedwede Scham. Er lässt seinen Freund Gyges ins eheliche Schlafgemach, denn Gyges besitzt einen Ring, der den Träger unsichtbar macht. Nur dass dieses „Verhüllen“ in Wahrheit entblößt und mit dieser Schuld die Tragödie einleitet.

          Um das Wechselspiel von Verhüllen und Enthüllen geht es auch in den Monologen. Die Frauen, mit denen Zaimoglu und Senkel vor ein paar Jahren sprachen, wirken auf westliche Gemüter furchteinflößend mit ihrem archaischen Sendungsbewusstsein. Auf unterschiedlichen Wegen mit dem Islam vertraut, allmählich vorgedrungen oder konvertiert zum muslimischen Glauben, behaupten sie selbstbewusst ihre Vorstellung vom rechten Frausein – Schamgefühl inklusive, Unterwerfung ausgeschlossen. Und gelegentlich haben sie recht: „Was wissen die Europäer schon vom Islam?“ Obwohl Frauen hierzulande bis in die sechziger Jahre ebenfalls Kopftücher trugen, gilt ein Kopftuch heute als Inbegriff kultureller Rückständigkeit. Mit der aufgeklärten entgötterten Welt ist auch der Sinn für das Verhüllen verlorengegangen.

          Die aufgeklärte und überforderte Hoheit

          Wie erotisch ein Schleier wirken kann, zeigen die „schwarzen Jungfrauen“, wenn sie als Sklavinnen-Chor im zweiten Teil des Abends wiederkehren. Auf einem Laufsteg im linken Seitenschiff der Basilika begleiten und kommentieren sie die unselige Ménage à trois zwischen Hebbels Helden. Behutsam hat Praml sie stilisiert, um Hebbels Pathos vor unfreiwilliger Komik zu schützen.

          Michael Weber, der die karge Bühne und die prächtigen Kostüme entworfen hat, tritt als aufgeklärte, überforderte Hoheit auf, die sich wie ein dekadenter Macho an seiner Gattin versündigt. Birgit Heuser wirkt in ihrem Sternenglitzergewand so heroisch, dass man sich fragt, ob dies schon eine Menschenfrau ist oder noch eine Muttergöttin. Mit Kandaules’ Schuld scheitert auch seine Kulturreform. Claudio Vilardo schwingt als athletischer Gyges zuletzt das archaische Schwert, das der schamlose König abgelegt hatte.

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