Die Altstadt, der Fluss, die imposante, breit ausgestreckte Schlossruine in den grünen Hügeln. Ein Blick darauf genügt, um zu verstehen, was jedes Jahr Millionen von Touristen aus der ganzen Welt nach Heidelberg zieht. Die markante Silhouette ist für viele der Inbegriff des romantischen Deutschlands. Ein bisschen kitschig vielleicht, aber immer noch das ideale Postkartenmotiv, der Beweis dafür, dass es good old Germany gibt. Doch der Schein trügt. Hinter der anheimelnd wirkenden Schloss-Kulisse und den herausgeputzten Fassaden der schmucken Bürgerhäuser verbirgt sich eine moderne Kommune mit hohem Freizeitwert. In der Stadt am Neckar finden das ganze Jahr über Musikveranstaltungen von Jazz bis Klassik statt und Kunstausstellungen; es gibt eine lebendige Theaterszene und ein interessantes gastronomisches Angebot, das so gut wie alle Ansprüche bedient.
Unsere kulinarische Sightseeing-Tour beginnt dort, wo Heidelberg am touristischsten ist. Mitten im Innenhof des Schlosses führt eine kleine Treppe in „Scharffs Schlossweinstube“, das neue Restaurant von Martin Scharff (ehemals Wartenberger Mühle bei Kaiserslautern). Unlängst geschmackvoll renoviert, ist das in Pastellfarben getauchte und mit bordeauxroten Stühlen ausgestattete Interieur fern von jenem Historienkitsch und Dekoplüsch, den man in einer Schlossweinstube erwarten könnte. Im eleganten Ambiente triumphiert die Konzentration auf das Wesentliche, eine Attitüde, die Scharff auch kulinarisch umsetzt (Küchenchef ist Dirk Seiger, der zuletzt auf Burg Schwarzenstein im Rheingau gekocht hat). In der Schlossweinstube gibt es zum Beispiel das gebratene Wachtelei auf einer Frankfurter Grünen Soße, die nach einer duftenden Sommerwiese schmeckt, marinierte Gänseleber, begleitet von einem erfrischenden Gelee aus Joghurt und grünem Apfel, einen zarten Hirschkalbrücken aus heimischen Wäldern.
Der Mann, bei dem Helmut Kohl gerne aß
Das Essen im Gourmet-Lokal im Schloss bietet beste kulinarische Aussichten, doch der schönste Blick auf Heidelbergs bekannteste Sehenswürdigkeit wird in der obersten Etage der „Print Media Academy“ offeriert. Im zwölften Stock, hoch über den Dächern von Heidelberg, liegt das Restaurant von Ein-Sterne-Koch Manfred Schwarz, den manche noch als den Mann kennen, bei dem früher Helmut Kohl gerne aß. Der abendliche Panoramablick auf die beleuchtete Stadt ist einmalig - wer einen Fensterplatz haben möchte, sollte unbedingt reservieren. Die Gäste schauen raus und die Küche gewährt Einblicke: in neue Geschmackswelten. Altmeister Schwarz und sein neuer Küchenchef André Gödde bieten ideenreiche und mutige Kombinationen, etwa bretonische Austern mit Gänseleberrauchsauce, knusprigen Jungschweinebauch mit spicy Erdnüssen oder sautierten Kalamar mit gepufftem rotem Inkakorn und Safran-Miso-Creme. Die Patisserie glänzt mit Schöpfungen wie den witzig angerichteten süßen Möhrchen, begleitet von Sauerrahm-Eis und Koriandercreme. Welcher Wein am besten zu den jeweiligen Gerichten passt, weiß Christophe Gamblin. Der sympathische Sommelier mit französischen Wurzeln und dem liebenswerten Akzent hat immer eine vinologische Neuentdeckung parat, Anekdoten inklusive.
Wer kulinarisch lieber auf dem Boden bleiben möchte, findet down town eine ganze Reihe von empfehlenswerten Einkehrmöglichkeiten. Fast schnurgerade zieht sich die Hauptstraße durch die Stadt, links und rechts Cafés und Kneipen, dazwischen der Prachtbau des Kurpfälzischen Museums, Deutschlands erstes „Hard Rock Café“ und natürlich urige Studentenkneipen wie den „Ochsen“, genauer: „Zum Roten Ochsen“. Seit rund 170 Jahren bewirtschaftet Familie Spengel das Lokal, die traditionsreiche Wirtschaft ist bis unters Dach dekoriert mit Devotionalien schlagender Korporationen und Trophäen Heidelberger Studentenverbindungen. Wer in diesem sehenswerten Ambiente auf ein Glas Bier oder Wein einkehrt, dazu einen Pfälzer Sauerkrautteller, gekochte Ochsenbrust, Badische Schäufele, Sülze vom Eisbein, Pfälzer Bauernbratwurst oder den klassischen Saumagen bestellt, kann nichts falsch machen. Alles kommt in bester hausgemachter Qualität auf die Teller; in üppigen Portionen zu bodenständigen Preisen.
Heidelberg hat viele Seiten
Nur wenige Schritte vom „Ochsen“ entfernt, in einer kleinen Seitengasse der Altstadt, steht seit einigen Monaten Robert Rädel am Herd des mit modernen Kunstobjekten eingerichteten „Simplicissimus“ und macht das, was er am besten kann: eine handwerklich solide Küche aus frischen Produkten und Zutaten, französisch inspiriert und hier und da mediterran angehaucht. Mit dem gebürtigen Dresdner hat das alteingesessene Restaurant eine neue Seite aufgeschlagen und seine Küche auf Vordermann gebracht. Leber von der Bretonischen Gans, serviert mit cremigem Sellerie und Brioche, oder der Gelbflossenthunfisch, verfeinert mit feuriger Wassermelone, Shizokresse und Langpfeffer, sind ein Entree in Rädels Genussküche. Ein erstklassiger Loup de mer mit gegrilltem Gemüse und das saftig zarte Entrecôte mit confierten Schalotten gehören zu unseren Favoriten aus der ambitionierten Küche des Wahlheidelbergers.
Doch Heidelberg hat auch eine andere Seite, kulinarisch nicht weniger ambitioniert, aber deutlich ruhiger als in den Gassen der Altstadt. Am rechten Neckarufer geht es gemächlich zu, fast ein wenig verträumt wirkt der Stadtteil Neuenheim mit seinen am Uferhang gelegenen stattlichen Villen und großbürgerlichen Anwesen. Man ist unter sich, nur wenige Touristen laufen am Ufer entlang, um mit ihren Kameras einen einmaligen Blick auf das gegenüberliegende Schloss einzufangen oder den steilen Philosophenweg hinauf zum Heiligenberg zu laufen. Wer nach einem strammen Fußmarsch hungrig geworden ist, sollte in die „Hirschgasse“ einkehren.
Einen süßen Klassiker sollte niemand verpassen
Der traditionsreiche Gasthof liegt etwas versteckt nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt. Er birgt zwei Lokale mit unterschiedlichem Konzept, gutes Essen servieren beide. Wo einst Studenten mit rasierklingenscharfen Schlägern ihre Mensuren ausgetragen haben, wird heute mit Messer und Gabel hantiert: Im historischen Ambiente der „Mensurstube“ kommen herzhafte Gerichte auf die Teller. Hausgemachte Bratwürste mit Weißkrautsalat und herzhaften Kartoffelkrusteln stehen auf der Speisenkarte, ein Felchenfilet mit Ackergemüse, ein saftiges Rinderrückensteak mit Bohnen, Ofenkartoffel und einer klassischen Pfeffersoße. Im „Le Gourmet“ zeigt Küchenchef Mario Sauer sein Können mit geräucherter Taubenbrust und marinierter Entenleber, Sankt Petersfisch mit feiner Sauce Bouillabaisse und dem Trio Filet, Schwanz und Salat vom Hohenloher Weideochsen.
Einen süßen Klassiker sollte niemand verpassen, der nach Heidelberg kommt, bleibt er länger oder auch nur für wenige Stunden: An der Haspelgasse gleich hinter der Heiliggeistkirche liegt der kleine Laden der Geschwister Liselotte und Anita Knösel. Darin verkaufen die beiden sympathischen Damen ihren „Heidelberger Studentenkuss“, ein Minitörtchen mit feinem Nougat, das vom Urgroßvater erfunden und seit 1863 nach geheimem Familienrezept in der ältesten Schokoladenmanufaktur der Stadt hergestellt wird. Der Kuss, der Laden und die beiden Damen sind Kult, Einheimische und Auswärtige kaufen bei ihnen. Und wenn sie ihren Kunden die Ware verpacken, geben sie gratis gerne ein paar Geschichten rund um ihre süße Spezialität dazu. Ein schöner Auftakt, ein genüsslicher Ausklang eines Besuchs in Heidelberg.