Regungslos steht er im Kleiderschrank. Durch einen Spalt beobachtet der 18 Jahre alte Eugen Herman-Friede, wie zwei Männer der Geheimen Staatspolizei mit Pistolen in der Hand ins Zimmer des Gasthauses Leonhard in Luckenwalde stürmen: „Hände hoch“, schreien beide. Er sieht, dass seine Eltern sich nicht rühren. Der jüngere Polizist geht auf die Schranktür zu und reißt sie auf. „Dann hat er mich rausgezerrt und mir erst mal ein paar rechts und links gescheuert“, erzählt der heute 86 Jahre alte Eugen Herman-Friede mit leichtem Berliner Dialekt.
Es ist Montag, der 11. Dezember 1944. Die Familie wird in das Amtsgericht nach Luckenwalde abgeführt, und Eugen Herman-Friede sieht den zweiten Mann seiner Mutter, den er Vater nennt, zum letzten Mal in seinem Leben. Am Tag darauf wird der Ziehvater in ein Berliner Gefängnis gebracht, wo er später stirbt. Seine Mutter und Herman-Friede selbst kommen nach Potsdam in Haft. Nach dem Krieg werden sie sich wiedersehen.
Bei Kommunisten versteckt
Als Kind jüdischer Russen hat Herman-Friede bis dahin im Untergrund gelebt. Als „U-Boot“ - so nannten sich die in der Illegalität lebenden Juden und politischen Flüchtlinge. Ende Januar 1943 war er untergetaucht. Um nicht in ein Konzentrationslager deportiert zu werden, kommt er zunächst bei kommunistischen Bekannten seines „arischen“ Ziehvaters in Berlin unter.
Aus Sicherheitsgründen muss Herman-Friede mehrmals die Bleibe wechseln. Er versteckt sich meist bei Kommunisten, die sich untereinander kennen und ihn an den nächsten „Genossen“ weitervermitteln. Von August 1943 an wohnt er immer wieder in der brandenburgischen Kleinstadt Luckenwalde bei Familie Winkler, die nach seinen Worten „Anti-Nazi“ war und später zum Kern der Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ gehörte.
Herman-Friedes Eltern, die nach dem nationalsozialistischen Sprachkodex eine „Mischehe“ führen, ziehen in ein Zimmer des Gasthauses Leonhard in Luckenwalde, damit sie ihren Sohn so oft wie möglich sehen können. Und auch, um den Bombenangriffen der Alliierten auf das rund 60 Kilometer entfernte Berlin zu entgehen. Weil die jüdische Mutter mit seinem „arischen“ Ziehvater lebt, ist sie zunächst weniger von einer Deportation bedroht als ihr Sohn.
Das Klingeln an der Tür
Für Eugen Herman-Friede ist die Erinnerung immer noch gegenwärtig. Wenn sich der 8. Mai 1945, das Kriegsende, jährt, denkt er besonders viel an damals. Seit 50 Jahren lebt der gebürtige Berliner in Kronberg. Seine Haare sind weiß geworden. Herman-Friede sitzt auf einem Schafsfell, das auf einem dunkelroten Ledersofa liegt; er lehnt sich in zwei Kissen zurück. Er verschränkt die Arme, lehnt sich wieder nach vorne und legt die rechte Hand in die Innenfläche der linken, wie in eine Kuhle.
Dann erzählt er weiter, von jener Zeit, als er als „U-Boot“ bei Familie Winkler in Luckenwalde gewohnt hat, beim Justizangestellten Hans Winkler und dessen Frau Frida. Er erzählt von einem Tag im September 1943, von einem Klingeln an der Tür. „Ich bin schnell ins Schlafzimmer und hab mich hinter einem Schrank versteckt“, sagt er. Frida Winkler kennt die Leute an der Tür nicht. Der Mann sagt, er sei Werner Scharff, die Dame neben ihm seine Freundin Francia Grün. Sie seien beide Juden und aus dem Konzentrationslager Theresienstadt geflohen. Wie die Flucht gelang, weiß Herman-Friede bis heute nicht genau, aber er hat in einem Buch gelesen, dass sie sich SS-Uniformen besorgten und heimlich fliehen konnten.
Frida Winkler bittet das Paar herein. Herman-Friede kommt aus seinem Versteck hervor. Als Hans Winkler wenig später eintrifft, berichtet Scharff von einem jüdischen Freund Winklers, der ihm in Theresienstadt dessen Adresse nannte für den Fall, dass er Hilfe brauchte. Die beiden Geflohenen kommen bei einem Freund Winklers unter.
„Wir müssen mehr machen“
Ein paar Tage später sucht Scharff Winkler wieder auf. „Juden verstecken ist schön und gut, aber das allein ist nicht genug, wir müssen mehr machen“, fordert Scharff. Daraufhin gründen Werner Scharff und Hans Winkler im Herbst 1943 die Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ und planen den organisierten Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime.
Winkler führt den damals 17 Jahre alten Herman-Friede in die Gruppe ein. Er nimmt ihn mit zu den Treffen der 15 bis 20 Mitglieder großen Gruppe in Luckenwalde. „Es waren einfach Nazi-Gegner gewesen. Menschen, die einen gesunden Menschenverstand hatten und anständig waren“, sagt Herman-Friede. Der Widerstandsgruppe gehörten Juden und Nicht-juden an, vorwiegend Handwerker. Sie waren weder religiös motiviert, noch hatten sie dieselbe politische Richtung: „Da waren Kommunisten drin, Sozialdemokraten, es gab auch ein paar Nationalsozialisten, die in der Partei waren. Die haben dann aber eingesehen, dass sie aufs verkehrte Pferd gesetzt haben.“
Ein Jahr lang, von Herbst 1943 bis Herbst 1944, verstecken die Mitglieder Juden. Außerdem tippen sie Flugblätter in Form von Kettenbriefen und verschicken davon etwa 3500. In den Kettenbriefen informieren sie über den wahren Verlauf der Front, fordern die Deutschen zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten auf und kämpfen gegen eine Fortsetzung des Kriegs. „Wir waren der Meinung, man müsse den Leuten klarmachen, dass es nur noch darum geht, zu retten, was zu retten ist. Denn der Krieg konnte nicht mehr gewonnen werden, nachdem Stalingrad im Januar 1943 gefallen war“, sagt Herman-Friede. Deshalb schreiben sie vorwiegend an Angehörige gefallener Soldaten; deren Adressen finden sie anhand von Todesanzeigen in der Zeitung. Um nicht aufzufallen, werfen sie die Briefe an mehreren Orten in Deutschland ein.
Hans Winkler tut noch mehr. Er nimmt aus dem Amtsgericht Schreibpapier mit, bedruckt mit dem Reichsadler. Im Namen ihrer Gruppe schreiben sie Todesurteile an sogenannte Greifer, das waren jüdische Gestapomitarbeiter, die Verstecke von Juden denunzierten, um selbst einer Verhaftung zu entgehen. „Wir schrieben an etwa drei bis fünf Greifer, mehr kannten wir bis dahin noch nicht. Wir schrieben so in etwa: ,Wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir Sie zur Rechenschaft ziehen’“, erinnert sich Herman-Friede.
Enttarnung ein Rätsel
Im April 1944 geht etwas schief. Das erste Mitglied der Widerstandsgruppe fliegt auf und wird festgenommen. Im Oktober kommen weitere in Haft, unter anderen Mitbegründer Winkler. Wie die „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ enttarnt wurde, ist Herman-Friede noch immer ein Rätsel. Er selbst bezeichnet die Gruppe als „dilettantisch“. So sei Winkler unvorsichtig gewesen, habe von jedem eine Karteikarte angelegt, auf der gestanden habe, an welchen Aktionen jedes Mitglied teilgenommen habe: „Scharff war wirklich ein kluger Mann, der alles auch sehr geschickt gemacht hat, aber Winkler ging dilettantisch vor. Dennoch hat er viel getan und mein Leben gerettet.“
Eugen Herman-Friede kommt erst in ein Potsdamer, dann in ein Berliner Gefängnis. An seinem 19. Geburtstag, am 23. April 1945, wird er aus der Zelle an der Großen Hamburger Straße geholt: „Da war ein SS-Mann, rausgeputzt wie aus dem Modejournal, blank geputzte Stiefel“, erinnert er sich und daran, dass der SS-Mann ihn nach seinem Namen gefragt habe. „Mit Vornamen Eugen“, sagt Herman-Friede, „Und dann hat er gebrüllt: ,Israel?’ Da hab ich ,Ja’ gesagt und gedacht: ,Naja, jetzt ist es zu Ende.“ Und dann hat er mich wie ein Karnickel hinten am Kragen gepackt und auf die Große Hamburger Straße geschmissen.“ Eugen Herman-Friede weiß nicht, warum der SS-Mann ihn freigelassen hat. Er weiß nur, dass draußen noch geschossen wurde.
„Dann hat er mich wie ein Karnickel gepackt und auf die Straße geschmissen.“ Eugen Herman-Friede „Ich bin ins Schlafzimmer und hab mich hinter einem Schrank versteckt.“ Eugen Herman-Friede