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Kritischer Konsum Fair einkaufen in Frankfurt

Es gibt auch in Frankfurt Adressen für Mode, die unter fairen Bedingungen hergestellt wird. Eine Einkaufstour.

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Natürlich, sozial, stylisch - der kleine Laden Organicc an der Berger Straße wagt mit seinem Werbeslogan am Schaufenster einen mutigen Rundumschlag. Seit 2008 verkauft das Ehepaar Irina und Gerd Palmer im Nordend Kleidung und Schuhe kleiner, zum Teil trendiger Label (Armed-angels, Portocolonia, Misericordia, Terra Plana), die nach Angaben der Inhaber für eine „ethisch korrekte Herstellung“ stehen. Die Fabriken stehen in Portugal, in der Türkei oder auch in Madagaskar. „Das sind kleine Firmen, die nicht den Kostendruck der Massenfertigung haben“, sagt Palmer. Eine Zertifizierung könnten sich die meisten jungen Designer allerdings nicht leisten, sagt der Geschäftsinhaber, der als Marktforscher auch Nachhaltigkeitsthemen für große Konzerne recherchiert.

So spielt Organicc in der Liga vieler kleinerer Läden in Frankfurt, die zwar nicht unbedingt auf Ökomode spezialisiert sind, deren Inhaber die Designer ihrer Label aber noch persönlich kennen und die Produktionsstätten gelegentlich besuchen. Viele davon handeln fair und nachhaltig, ohne das explizit an die Ladentür zu schreiben. Es gibt ein einfaches Rezept für Kunden, das herauszufinden: Man muss einfach fragen. Was ist das für ein Label? Wo wird die Ware hergestellt? Was ist das Besondere daran? Mitunter hört man bei dieser Gelegenheit richtig schöne Geschichten.

Freilich, solche Läden werden in Frankfurt immer seltener. Peter Gleich an der Töngesgasse etwa gehört noch zu den Exoten, und es zählen auch Modedesigner an der Brückenstraße in Sachsenhausen dazu, die ihre Entwürfe im Stübchen hinter dem Laden nähen, so wie etwa Jutta Heeg, Inhaberin von „Ich war ein Dirndl“. Direkter und nachhaltiger geht es nicht.

Gütesiegel bieten nicht immer Orientierung

Gleichwohl hat auch Heeg an der Brückenstraße Mode im Sortiment, die in Bangladesch hergestellt wird. People Tree heißt in diesem Fall die Marke, die mit dem Fairtrade Siegel arbeitet, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Baumwollproduzenten und ihre Familien zu schützen. Das Siegel wurde von der Organisation Transfair entwickelt.

Für Verbraucher ist es grundsätzlich schwierig, sich anhand der Gütesiegel in der Modewelt zu orientieren - anders als bei Lebensmitteln. Dort zeichnet das EU-Biosiegel Bioqualität aus, daneben gibt es noch die Gütezeichen der verschiedenen Anbauverbände, aber damit hat es sich auch schon. Anders in der Textilbranche: Etwa 20 Gütesiegel für Textilien gibt es in Deutschland. Sie bürgen entweder für das Material oder für die Produktionsbedingungen. Als das umfassendste gilt zurzeit das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), da dafür nicht nur Umweltkriterien, sondern auch Sozialstandards geprüft werden. Deutlich anspruchsvoller ist das Naturtextil-Siegel BEST, das aber nur selten in der Mode anzutreffen ist.

Für ein T-Shirt mit GOTS-Siegel gilt unter anderem, dass die Baumwolle zu mindestens 70 Prozent aus kontrolliertem Anbau sein muss. In der Produktion wird komplett auf den Einsatz bedenklicher Chemikalien verzichtet. Kinderarbeit ist verboten, Arbeitszeiten sind einzuhalten, und der gesetzliche Mindestlohn eines Landes ist zu zahlen.

Aktuelle Medienberichte über Bangladesh verstärkten schlechtes Gewissen

Mit diesem Label arbeitet der Versender Hess Natur, dessen Homepage immer dann besonders oft angeklickt wird, wenn, wie aktuell, Berichte über einen Brand mit vielen Toten in einer Textilfabrik in Bangladesch bei Verbrauchern das schlechte Gewissen wecken. Die Katalogbestellungen hätten in der vergangenen Woche stark angezogen, sagt eine Sprecherin.

Hess Natur mit Sitz in Butzbach, wo das Unternehmen auch einen Laden hat, ist nach eigenen Angaben Marktführer unter den Öko-Textilern in Deutschland und legt die Messlatte bei den Standards noch etwas höher als GOTS. Produziert wird vorwiegend in der Türkei, in Portugal und in den Ostblockländern, Seidenblusen kommen aber auch aus China. Etwa in der gleichen Liga spielt der österreichische Möbel-Hersteller Grüne Erde, der an der Kaiserstraße in Frankfurt seit zwei Jahren auch Mode verkauft. Anders als bei Organicc werden junge, hippe Kunden bei den Ökotextilern jedoch kaum etwas Passendes finden. Auf der anderen Seite stimmt das Preis-Leistungsverhältnis. Grundsätzlich gilt für faire Mode: Teuer ist nicht gleich besser. Bei der Näherin am Anfang einer langen Lieferkette kommt in der Regel nur ein kleiner Teil vom Preis an.

Dafür, dass sich dies ändert, setzen sich Hess Natur und Grüne Erde auch in der niederländischen Fair Wear Foundation ein. Die Mitgliedschaft setzt voraus, dass die Händler eng mit ihren Lieferanten zusammenarbeiten und diese kontrollieren. Zusätzlich finden unabhängige Kontrollen zur Überprüfung der Arbeitsbedingungen durch die Fair Wear Foundation statt. Mitglieder sind auch Unternehmen wie Jack Wolfskin und Vaude. Sie versuchten über ihr Einkaufsverhalten Unternehmen und Fabriken zu bevorzugen, die höhere Löhne zahlten, heißt es. Für Gerd Palmer von Organicc steht allerdings fest: „Am Ende des Tages zählt nur das Kaufverhalten des Verbrauchers.“

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