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Kritiker im Frankfurter Literaturhaus : Schriftsteller als Hurenversteher

Ist Clemens Meyers Roman „Im Stein nun „nie pornographisch und nie anbiedernd“, wie ein Kritiker im Literaturhaus Frankfurt meinte Bild: Pein, Andreas

Ist Clemens Meyers Roman „Im Stein nun „nie pornographisch und nie anbiedernd“, wie ein Kritiker meint? Oder ist darin „manches kitschig, manches unfertig“, wie eine andere Stimme sag? Kritikergespräch „Schöne Aussichten“ im Frankfurter Literaturhaus

          Im Frankfurter Literaturhaus überschlugen sich die Kritiker mit Lobeshymnen, und am Ende war klar: Der DDR-Bildungsroman „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann hatte den Haltbarkeitstest bestanden. Und das nach dem Urteil von lauter Wessis. 1974 war der Roman über eine junge Architektin erschienen, ein Jahr nach dem Tod der Autorin, die ihre letzten Notizen dazu auf dem Sterbebett machte. Die damals zensierten Passagen sind jetzt in das Taschenbuch des Aufbau-Verlags wieder aufgenommen worden. „Eine absolute Entdeckung, besser als Christa Wolf“, jubelte die freie Literaturrezensentin Ina Hartwig. Auch Moderator Alf Mentzer von hr2-kultur fand das Buch gehaltvoller und intensiver als etwa „Christa T.“. „Sie musste keine Kompromisse mehr machen“, sagte Hubert Spiegel, Feuilletonredakteur dieser Zeitung, und Gastautorin Silke Scheuermann ergänzte: „Sie schrieb um ihr Leben.“

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Über die drei zu besprechenden Neuerscheinungen waren sich die Kombattanten des 20. Literaturgesprächs „Schöne Aussichten“ nicht so einig. Am besten kam Hans Pleschinski weg mit seinem Roman „Königsallee“ (C. H. Beck), der von einer fiktiven Wiederbegegnung des alten Thomas Mann in Düsseldorf mit dessen einstiger Sylter Liebe Klaus Heuser erzählt. „Mehr Pastiche als Parodie“, kommentierte Mentzer, und Ina Hartwig sekundierte: „Ein tolles Thema – wenn auch mit Konzessionen an den Zeitgeist.“ Auch Silke Scheuermann fand das Buch „amüsant“. Spiegel verwies auf die Nähe zu Manns Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ und auf den parodistisch übertriebenen Ton im Mannschen Stil.

          „So klischeebeladen“

          Lange und heftig stritten die Podiumsteilnehmer über Clemens Meyers Roman „Im Stein“ (S. Fischer), der es mit seinen 550 engbedruckten Seiten auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis gebracht hat. Hartwig stellte das Buch über Leipzigs Rotlicht-Milieu als „vielstimmige Collage“ vor, „nie pornographisch und nie anbiedernd“. Auch Mentzer lobte die „moralische Distanz“ des Verfassers. Scheuermann war nicht überzeugt, fand manches kitschig, manches unfertig. Nach einigem Zögern legte auch Spiegel los: „Wie diese Frauen reden, so klischeebeladen.“ Spiegel empfand Meyer auch nicht als neutral, doch Hartwig bestand darauf: „Er ist eben ein Hurenversteher.“

          Nicht auf der Shortlist steht der neue Roman von Daniel Kehlmann: „F“ (Rowohlt) wie Fatum oder Friedland, was assoziativ zu Schillers Wallenstein und der Astrologie führt. Denn Zufall und Schicksal regieren die Handlung des Buches. Spiegel stellte den Roman vor, in dem ein Vater seine Familie verlässt, weil ihm ein Hypnotiseur ein Leben als Schriftsteller nahegelegt hat. Der Kritiker hat sich gut unterhalten, gelegentlich aber auch gelangweilt über die Viten der Söhne, die sich der Kirche, der Kunst und dem Kommerz verschrieben haben. Scheuermann fand es faszinierend, wie diesen Männern immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wird, und brachte für „F“ den „Fake“ ins Spiel. „Zu konstruiert“, befand Mentzer, aber Spiegel wusste, dass Kehlmann gern am Reißbrett arbeitet. Als „Modethema“ tat Hartwig den Roman ab: „Keiner glaubt mehr an das, was er tut.“

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