Während zahlreiche Mitarbeiter des Uni-Klinikums Gießen und Marburg über eine Rückkehr in den Dienst des Landes nachdenken, spricht die Konferenz der Kliniksdirektoren offen von einer Krise an beiden Standorten. Sie beklagt in einem Thesenpapier eine erhebliche Arbeitsverdichtung für Ärzte und Pfleger und stellt einen Investitionsstau von mehr als 100 Millionen Euro fest, obwohl der börsennotierte Mutterkonzern Rhön Klinikum AG seit der Privatisierung des Großklinikums im Februar 2006 in Gießen und Marburg nach seinen Angaben mehr als 367 Millionen Euro investiert hat.
Zudem beklagen die Kliniksdirektoren „einen Wandel im konstruktiven Miteinander“ der Geschäftsführung auf der einen Seite sowie der Leistungsträger unter den Pflegern und Ärzten auf der anderen Seite. Das Klinikum habe „de facto“ eine „Stellen- und Investitionssperre praktiziert“, wie sie auch von den Betriebsräten seit geraumer Zeit beklagt wird.
Die „Fehleinschätzung“
Ursächlich sei offensichtlich ein Geschäftsmodell der AG, nach dem das Uni-Klinikum die Lasten für Zinsen und Abschreibungen der seit 2006 getätigten Investitionen selbst erwirtschaften müsse. Auch dies hatten die Betriebsräte gleichlautend bemängelt. Der von 2012 an fällige Betrag für Zinsaufwendungen und Abschreibungen in Höhe von rund 40 Millionen Euro im Jahr „ist nicht im Rahmen eines geordneten Betriebes einer Universitätsklinik zu erwirtschaften“, heißt es in dem Thesenpapier. Die Kliniksdirektoren vermissen Investitionen in Medizintechnik und halten Rhön eine „Fehleinschätzung“ vor, weil der Mutterkonzern auf die im Kooperationsvertrag mit dem Land Hessen vorgesehene Bauförderung durch die öffentliche Hand verzichte.
Durch die Arbeitsverdichtung sei ein Miteinander von universitärer Krankenversorgung einerseits sowie Lehre und Forschung andererseits schon jetzt stark gefährdet. Aus Sicht der Kliniksdirektoren besteht ein Interessenkonflikt zwischen den Renditeerwartungen der Rhön Klinikum AG und dem Bestreben von Ärzten und Pflegepersonal, eine qualitätsorientierte Hochleistungsmedizin anzubieten. Sie sehen die Gefahr, dass Leistungsträger das mittelhessische Klinikum verlassen könnten.
Abwerbungsversuche aus Frankfurt
Dies gilt umso mehr, als das Universitätsklinikum in Frankfurt mit großformatigen Anzeigen in der Gießener Lokalpresse Mitarbeiter abzuwerben versucht. Ähnlich wie der sozialdemokratische Marburger Rathauschef Egon Vaupel sprechen sich die Kliniksdirektoren dafür aus, „die Rückführung der Privatisierung“ zu prüfen.
Wie viele Mitarbeiter in Gießen und Marburg aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts in den Landesdienst zurückkehren wollen, ist noch unklar. Genaue Zahlen will das Uni-Klinikum Ende Juni bekanntgeben. Das Urteil betrifft außer Pflegekräften auch nichtwissenschaftliches Personal wie etwa IT-Fachleute.

