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Kritik an Flughafen Kassel-Calden Bruchlandung oder Traumstart?

„Millionengrab“, „Fehlinvestition“ oder Hoffnungsträger für eine ganze Region? Die Geister scheiden sich am neuen Regionalflughafen in Kassel-Calden. Sicher ist: Für die millionenschweren Kosten muss erst einmal der Steuerzahler aufkommen.

© dpa Kurz vor der Eröffnung: die Kritiker des Flughafens Kassel-Calden sind schon jetzt zahlreich

 Wird es ein Traumstart oder gibt es eine Bruchlandung? Einen Tag vor der Eröffnung des Regionalflughafens in Kassel-Calden sind die Gegner des Millionenprojektes noch mal hart ins Gericht mit den Verantwortlichen gegangen. „Der Calden-Ausbau ist ein klassisches Beispiel für den fragwürdigen Umgang mit öffentlichen Mitteln“, schimpfte der Vorsitzende des hessischen Steuerzahler-Bundes, Joachim Papendick. In den kommenden Jahren sei „mit dauerhaften jährlichen Verlusten zu rechnen“.

Kritik kommt auch vom Nachbarn aus Niedersachsen: Der mit Steuergeld subventionierte Flugplatz trete in Konkurrenz zu bestehenden Airports wie Hannover und grabe ihnen Fluggastzahlen ab, sagte der Sprecher des Wirtschafts- und Verkehrsministeriums in Hannover, Christian Budde. „Das ist eine Sache, die wir als sehr problematisch ansehen.“

Nach Zypern, Reykjavik und Armenien

Nach rund 15 Jahren Planung, Gerichtsverfahren, EU-Prüfungen und Bau wird der neue Flughafen am Donnerstag eröffnet. In den Flughafenbau flossen 271 Millionen Euro von Land und Kommunen. Er ersetzt den bestehenden Flugplatz, dessen Landebahn zu kurz und ungünstig gelegen war.

In Kassel-Calden stehen derzeit ein Dutzend regelmäßige Flüge pro Woche auf dem Flugplan: Es geht vor allem zu den klassischen Touristenzielen Mallorca und Antalya (Türkei). Geplant sind aber auch Verbindungen nach Zypern, Reykjavik, Sardinien, Armenien und zur Seidenstraße (Usbekistan). Der erste reguläre Flug hebt am Donnerstagnachmittag nach Antalya ab. Die Flughafenchefin zeigte sich mit dem Start zufrieden. „Wenn ich alle Entwicklungen in die Waagschale werfe, bin ich froh über das Sommerflugprogramm“, sagte sie im Vorfeld der Eröffnung.

Schäfer will „langfristige Businessplanung“ erstellen

Anders als viele Kritiker gibt sich auch Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) optimistisch: Die Region Kassel und Nordhessen seien „eine wirtschaftliche Boom-Region“. „Im Gegensatz zu manch anderem Regionalflughafen steckt hinter diesem Verkehrsprojekt auch ökonomische Substanz“, sagte Schäfer der Nachrichtenagentur dpa. „Der Flughafen ist nicht nur für den Urlaubsreiseverkehr, sondern auch für Linienflüge, Geschäftsreisen und für Kurier-Express-Paket-Dienste ausgelegt.“ Im Jahr 2020 soll der Flughafen 640 000 Passagiere zählen und damit kostendeckend arbeiten, wie Schäfer verspricht. Eine „langfristige Businessplanung“ will er in den kommenden Monaten erstellen.

Dagegen bemängeln Gegner des Airport-Projekts vor allem eine zu geringe Auslastung und dauerhafte Landeszuschüsse. Die Grünen reden vom „Millionengrab“. „Der Flugplatz Kassel-Calden hat bisher lediglich einen Nutzen für die ausführenden Bauunternehmen“, kritisierte Karin Müller, die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im hessischen Landtag. Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) müsse eine ehrliche Kalkulation der jährlich zu erwartenden Verluste vorlegen.

Hannoversche Kannibalisierungseffekte?

Rosige Zeiten sagt auch der Steuerzahler-Verbund dem Airport nicht voraus: „Im Jahr 2020 ist zu befürchten, dass der Flughafen das Schicksal vieler weiterer unausgelasteter Regionalflughäfen teilen wird“, sagte Papendick. In der Nachbarschaft lägen andere Flughäfen wie Erfurt, Hannover und Paderborn. „Der Wettbewerb lässt nicht erwarten, dass bis dahin genug gewinnbringende Einnahmen für alle Flughäfen erzielt werden.“ Er fürchte vielmehr, dass das Subventionsvolumen insgesamt noch weiter steigen wird, wenn sich ein weiterer Regionalflughafen etabliert.

In dasselbe Horn bläst der Sprecher des hannoverschen Airports, Sönke Jacobsen: „Wir bleiben nach wie vor dabei, dieser Flughafen ist überflüssig. Wir erwarten schon Kannibalisierungseffekte, schön ist das nicht.“

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Quelle: LHE

 
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