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Kriminalpräventive Städteplanung : Der Polizist, der Städte planen will

Grauzone: Den Bahnhofsvorplatz durchqueren viele Menschen unterirdisch. Oben fehlt dann die soziale Kontrolle – für Diebe und Dealer ist das ideal. Bild: von Siebenthal, Jakob

Die Polizei möchte mitreden, wenn es um neue Plätze und Häuser geht. Ein Beamter wirbt dafür, beim Bauen an Prävention zu denken - kein leichter Job.

          Dass jetzt seine Zeit gekommen ist, liest Frank Weber in der Zeitung. Die Beweise hängt er an die Pinnwand in seinem Büro im vierten Stock des Polizeipräsidiums. „Bauen, Bauen, Bauen“ heißt die Überschrift über einem Artikel, den er dort neben Architektur-Skizzen und Grafiken aus Universitätsvorlesungen gepappt hat. Weil in Frankfurt gerade so viel gebaut werde, sagt Frank Weber, sei es jetzt an der Polizei, den Stadtplanern und Architekten zu sagen, was sie weiß. Darüber, wie und wo Kriminalität entsteht und was man dagegen tun kann - nicht hinterher mit Festnahme und Handschellen, sondern vorher per Grünschnitt und Beleuchtung.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Grünschnitt und Beleuchtung. Frank Weber lacht offen, wenn er die beiden Worte sagt, dabei bedeuten sie eigentlich das Gegenteil von dem, was die Zeitungsartikel bedeuten, die er sammelt. Grünschnitt und Beleuchtung, das ist eine Formel, die seine Arbeit geringschätzt. „Es geht um viel mehr als nur darum, ein paar Lampen in dunklen Ecken aufzustellen“, sagt er. Worum es geht, steht in einem Papier, das zwei niedersächsische Wissenschaftler im vergangenen Jahr auf dem Deutschen Präventionstag vorgestellt haben und das sich mit Kriminalprävention in der Stadtentwicklung beschäftigt. Es geht um den demografischen Wandel, um soziale Fragen, um unbegründete und berechtigte Angst, um Städtebau, Sozial- und Kriminalpolitik. Um ein ziemlich weites Feld also.

          Ein farbig markierter Hauptweg auf dem Campus

          Ein Feld, von dem man am besten erst einmal ein kleines Stück umpflügt. Den Campus Riedberg zum Beispiel. Dort sind die Wege von der U-Bahn-Station zu den Uni-Laboren, die die Naturwissenschaftler oft auch in der Nacht aufsuchen müssen, um nach ihren Petrischalen zu schauen, lang, kurvenreich und dunkel. Zusammen mit Humangeographie-Studenten der Goethe-Uni hat Weber im vergangenen Jahr Studenten und Mitarbeiter auf dem Campus nach ihrem Sicherheitsempfinden und ihren bevorzugten Laufwegen befragt. Jetzt überlegt er sich, was man machen kann, damit sie sich wohler fühlen, wenn sie im Dunkeln das Gelände queren. Ein farbig markierter Hauptweg zum Beispiel schwebt ihm vor, gut beschildert, gut ausgeleuchtet.

          Frank Weber hat als Polizist ein großes Poster vom Campus neben drei Skizzen vom neuen Bruchfeldplatz in Niederrad hängen, weil die Hessische Landesregierung 2008 beschlossen hat, mehr für die Kriminalprävention im Städtebau zu tun. „Da hat man sich gedacht: ,Wir schaffen hier ein neues Sachgebiet‘“, sagt Weber fröhlich über seine Aufgabe, der er seit 2010 im Frankfurter Polizeipräsidium nachgeht.

          Diskussionsbedarf im Einzelnen, unnötig im Regelfall

          Vorher war er bei der Kriminalpolizei, leitete zuletzt die Ermittlungsgruppe Gewalt gegen Kinder. Von Architektur und Stadtplanung wusste er nichts. Er besuchte Fortbildungskurse in Nordrhein-Westfalen und hospitierte bei einer Kollegin in Berlin, wo die Polizei schon seit 2006 mit Städteplanung befasst ist. „Für Sicherheit sind wir die Experten“, sagt Weber jetzt. Architekten und Stadtplaner seien nach dem Baugesetzbuch verpflichtet, die „Sicherheit der Wohn- und Arbeitsbevölkerung“ zu beachten. Die Polizei könne wie jeder andere Stellungnahmen abgeben, wenn es für ein Projekt einen Bebauungsplan gebe. Weber wünscht sich aber mehr: Er will von Anfang an, schon in der Phase der Bauleitplanung, dabei sein, wenn Häuser errichtet und Plätze gestaltet werden.

          Mark Gellert hält das für unnötig. Er ist Sprecher des Stadtplanungsamts in Frankfurt und sagt, was Weber auch sagt: dass die Polizei als Träger öffentlicher Belange ohnehin schon Stellungnahmen zu Bebauungsplänen formulieren kann, die die Planer dann prüfen müssen. Es gebe natürlich in Einzelfällen wie beispielsweise der Diskussion um Veränderungen im Bahnhofsviertel Runde Tische, an denen die Polizei beteiligt sei. „Ich sehe aber nicht, dass wir das als Regelfall brauchen.“ Das, was Frank Weber mache, sei eine kleinteilige Arbeit, eher Architektur als Stadtplanung. Gellert nennt die Dornbuschhöfe als Beispiel: Bei deren Neubau hatte die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Hessen mit der Polizei und dem städtischen Präventionsrat über Möglichkeiten gesprochen, Verbrechen vorzubeugen - über Licht, freie Sichtachsen und besonders stark verglaste Fenster. Am Ende wurde dem Projekt das polizeiliche Gütesiegel „Ausgezeichnete Wohnsicherheit“ verliehen.

          Eine Serviceleistung der Polizei

          Wenn Frank Weber Studenten von der Goethe-Universität erklären will, was er für einen Job hat, dann macht er mit ihnen schon einmal einen Ausflug zu den Dornbuschhöfen. Er versucht, andere Bauherren für das Gütesiegel zu begeistern, gerade spricht er mit den Projektverantwortlichen für die Neugestaltung des Henninger-Areals. Aber eigentlich will er Größeres schaffen. Er weiß zwar um die Bedenken von Architekten und Planern, die sich sorgen, dass ohnehin schon langwierige Bauleitplanungen mit ihm noch länger dauern könnten. Er sagt aber, dass er sich nicht einmischen wolle, dass er weder Planer noch Architekt sein möchte. „Ich biete eine Serviceleistung an.“ Den Service, aus der Kriminalstatistik herauszulesen, welche Art von Täter an welchem Ort welche Tat begeht. Und was man dagegen tun kann.

          Am Hauptbahnhof zum Beispiel, da stört ihn die Straße zwischen Vorplatz und Kaiserstraße. Weil die da sei, gingen viele Leute unterirdisch von der einen auf die andere Seite. Oberirdisch fehle so die soziale Kontrolle - ideale Bedingungen für Diebe und Dealer. Es gibt noch andere Plätze in der Stadt, die Weber nicht optimal findet. Aber darüber will er lieber mit den Ortsbeiräten, den Stadtplanern und Architekten reden. Nicht öffentlich. Das mache die Sache schwieriger, als sie eh schon sei. Am besten immer nur ein kleines Stück des weiten Feldes umpflügen.

          Quelle: F.A.Z.

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