Ein bisschen wird er selbst inzwischen wie ein Filmstar gefeiert. Als der Deutschlandchef von Pixomondo, Christian Vogt, am Samstag vor das Publikum im Frankfurter Filmmuseum trat, um zu erklären, wie die Effektspezialisten sich den Oscar für die Arbeit an Martin Scorseses Familienfilm „Hugo Cabret“ erarbeitet haben, gab es tosenden Applaus aus dem ausverkauften Kinosaal. Die Nachfragen der Zuschauer drehten sich weniger um Ästhetik und künstlerische Eigenwilligkeit des Werks, wie sonst gerne auf den Lichter-Filmtagen, sondern vielmehr um die Kosten und den Arbeitsaufwand der Produktion.
Kreativ und Wirtschaft - das sind für viele in der Stadt längst zwei zusammenhängende Begriffe. Und die Hessen-Agentur hat nun im Auftrag des Wirtschaftsministeriums diesen Wirtschaftszweig in Zahlen gefasst. 110.000 Beschäftigte, 79.000 davon in sozialversicherungspflichtiger Anstellung, erwirtschaften einen Umsatz von 13,2 Milliarden Euro im Jahr. Den Löwenanteil steuern die Werber, Computerspiele- und Softwareentwickler, Verlage und Designer bei.
Branche klarer umrissen
Einen Haken hat der Bericht. Die nun vorgelegten Zahlen sind größtenteils drei Jahre alt, viele dürften bereits überholt sein. Doch aufgrund der umfassenden statistischen Untersuchung und der vielen Kleinstunternehmen, die in der Regel nicht über ihren Umsatz berichten, waren offenbar keine aktuelleren Zahlen als jene von 2009 zu erhalten.
Immerhin ist die Branche etwas klarer umrissen worden. Im letzten Datenreport des Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2010 war von mehr als 24 Milliarden Euro Jahresumsatz die Rede, was vor allem an der damals weiter gefassten Definition der Kreativwirtschaft liegen dürfte. In die damaligen Berechnungen waren zum Beispiel PR-Agenturen und Fernsehsender eingeflossen, die im aktuellen Bericht nicht berücksichtigt werden. Die zusammengefassten Werbe- und PR-Agenturen steuerten in dem damaligen Zahlenwerk allein mehr als doppelt so viel zu den Umsatzzahlen bei wie im aktuellen Bericht die Werbeagenturen allein. Der Begriff der Musikwirtschaft war ebenfalls weiter gefasst.
Auch Kassel „echte Kreativszene“
So muss sich der nun vorgelegte Report nicht mehr wie frühere Studien zu dem Thema vorwerfen lassen, so ungleiche Berufsgruppen wie Balletttänzer, Steinmetze und PR-Berater in einen Topf zu werfen, und bildet eine Branche ab, in dem auch der außenstehende Betrachter ähnliche Geschäftsmotive und Bedürfnisse vermuten kann.
Steffen Saebisch (FDP), Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium, sieht die Datenlage als Beleg für die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft für Hessen. „Sie zählt zu den dynamischen Wachstumsbranchen und gewinnt als eigenständiger Wirtschaftsbereich an Bedeutung.“ Seiner Ansicht nach sind sowohl im Rhein-Main-Gebiet als auch in Kassel „echte Kreativszenen“ gewachsen, die Synergien entstehen lassen und Kooperationen fördern.
Mehr Beschäftigte als im Maschinenbau
Mit Umsatzzahlen ist Saebischs Behauptung über das Wachstum aufgrund der veränderten Datengrundlage schwer nachzurechnen. Für die Beschäftigtenzahl listet die Hessen-Agentur die Vergleichswerte von 2010 zu 2009 auf. Doch in den stark vom Projektgeschäft und von sehr vielen kleinen Unternehmen geprägten Branchen schwanken diese Zahlen erfahrungsgemäß kräftig. Alles in allem ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig angestellten Kreativen leicht gewachsen, um gut 400. Gerade die größeren Teilbranchen haben allerdings verloren. In der Werbung ging die Beschäftigtenzahl um 600 auf 11.100 zurück, in der Gamesbranche um 400 auf 18.700.
Jenseits der Aussagekraft der einzelnen Zahlen dürften solche Reports daher eher dazu beitragen, die Wirtschaftskraft der Kreativen als Ganzes verständlicher zu machen. Dass mit 110.000 Beschäftigten insgesamt mehr in kreativen Berufen ihr Geld verdienen als etwa im Maschinenbau oder in der Chemie, ist eine Erkenntnis für sich. Auch die Frankfurter Finanzindustrie kann da mit ihren 76.000 Mitarbeitern nicht mithalten - auch wenn in all diesen Branchen weit höhere Umsätze gemacht werden.
Die Stadt hofiert
Gerade die Kreativen am Computer haben es immer noch schwer, ihre Arbeit und deren Wert zum Beispiel Banken zu erklären, wenn sie für die teils hohen Produktionskosten Kredite benötigen. Meist in Jeans und Turnschuh unterwegs, selten mit Anzug und Krawatte, entsprechen sie nicht eben dem Bild des soliden Mittelständlers. Seit Jahren bemüht sich der regionale Branchenverband Gamearea FRM schon bei der Landespolitik um die Einführung einer Förderung von Spiel-Prototypen, die die Games-Entwickler herstellen müssen, um Verlage von ihren Ideen zu überzeugen. Auch bei Pixomondo entsteht fast alles am Computer, virtuell haben sie ganze Bahnhöfe und Paris 1930 in den „Hugo“-Film eingebaut. Als eines der jüngsten Gewerke der Welt bezeichnet Deutschlandchef Vogt die Visuelle-Effekte-Macher. Die Arbeit werde aber auch bei Banken und Geschäftspartnern mehr und mehr verstanden, sagte Vogt kürzlich, die Branche werde inzwischen schon als Wirtschaftsmacht wahrgenommen.
Auch die Stadt Frankfurt hat sich von der Wirtschaftsförderung wieder einen Report über ihre Kreativwirtschaft erstellen lassen. Er harrt noch seiner Veröffentlichung. Nach allem, was bisher daraus bekanntgeworden ist, zählt die Mainmetropole derzeit knapp 24.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Kreativszene. Ein Viertel davon ist in der Games- und Software-Entwicklung beschäftigt, ein Fünftel in der Werbung, 17 Prozent sind es im Verlagsgewerbe.
Die Stadt hofiert ihre Kreativen schon seit einiger Zeit. Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) begründete sein Engagement jüngst in der Stadtverordnetenversammlung damit, dass von einer lebendigen Kreativszene auch andere Branchen profitierten - und das „Lebensgefühl der Stadt insgesamt“ verbessere sich außerdem.
Naja...
Christian Hassels (Straybullet)
- 04.04.2012, 11:59 Uhr