07.10.2005 · Der Hessische Rundfunk (HR) will offenbar die Korruptionsaffäre um seinen früheren Sportchef Jürgen Emig offensiver angehen. Am Freitag vor dem Arbeitsgericht, das Emig gegen seine fristlose Entlassung ...
Der Hessische Rundfunk (HR) will offenbar die Korruptionsaffäre um seinen früheren Sportchef Jürgen Emig offensiver angehen. Am Freitag vor dem Arbeitsgericht, das Emig gegen seine fristlose Entlassung angerufen hatte, übergab ein Abteilungsleiter des HR Emigs Anwalt ein Schreiben, in dem Regreßansprüche aufgelistet werden - eine Summe von knapp einer Million Euro, zahlbar bis zum 5. November. HR-Intendant Helmut Reitze teilte mit, der Sender werde die Forderungen notfalls einklagen.
Emig, dem die Rundfunkanstalt im Sommer, als der Skandal mit der Verhaftung des Journalisten hohe Wellen schlug, gleich zweimal fristlos gekündigt hatte, war nicht zu dem Gütetermin erschienen. Er wolle öffentliches Aufsehen vermeiden, sagte sein Anwalt Wolfgang Strba. Die Ereignisse der vergangenen Monate hätten seiner Familie sehr zugesetzt.
Emig wird der Bestechlichkeit, des Betrugs und der Steuerhinterziehung beschuldigt. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat er die von Sponsoren, Vereinen und Verbänden für die Übertragung sogenannter Randsportarten gezahlten Zuschüsse zu einem Teil über eine Strohfirma, die seine Frau und ein Freund gegründet hatten, für sich abgezweigt. Die Strafverfolger hatten bisher einen Schaden in Höhe von rund 400 000 Euro geschätzt. Die Bilanz der Wirtschaftsprüfer, die der HR eingeschaltet hat, liest sich dagegen weitaus düsterer: Die Summe der dem Sender vorenthaltenen "Beistellungsleistungen" (das sind die Zuschüsse der Vereine für Übertragungen ihrer Veranstaltungen), Erlöse von Sponsoring und Provisionen sowie die Kosten, den Schaden zu ermitteln, beziffert der HR auf knapp eine Million Euro.
Allenfalls über Zahlungsmodalitäten werde man mit sich reden lassen, sagte der Abteilungsleiter am Freitag vor Gericht, die Kündigung werde auf keinen Fall zurückgenommen. Aus der Sicht des HR hat Emig die Vorwürfe im wesentlichen eingestanden, die ursprüngliche Verdachtskündigung sei daher später durch eine "Tat-Kündigung" ersetzt worden. Ob Emig tatsächlich in vollem Umfang gestanden hat, läßt die Staatsanwaltschaft offen. Zumindest hatte den Ermittlern die Darstellung, die sein Anwalt Eberhard Kempf für ihn eingereicht hatte, genügt, der Aufhebung des Haftbefehls zuzustimmen. Emigs Rechtsbeistand vor dem Arbeitsgericht, Strba, bestritt nach der Verhandlung, sein Mandant habe die Vorwürfe in vollem Umfang eingeräumt. Seinem Antrag, den Prozeß vor dem Arbeitsgericht auszusetzen, bis die strafrechtlichen Vorwürfe geklärt seien, mochte Richterin Tanja Eichler am Freitag jedoch nicht zustimmen. Es soll zunächst geklärt werden, ob die formellen Voraussetzungen für eine fristlose Kündigung überhaupt vorlagen.
Eine wichtige Frage wird sein, ob der HR die 14-Tage-Frist eingehalten hat, die das Gesetz dem Arbeitgeber einräumt, um auf Erkenntnisse zu reagieren, die eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr zumutbar erscheinen lassen. Schließlich hatte Emig schon 2004 die Position des Sportchefs räumen müssen, als sich alte Gerüchte verdichteten, er zweige über die Sponsor-Marketing-Firma seiner Frau im Zusammenhang mit kofinanzierten Sendungen Mittel für sich ab. Stichhaltige Beweise hätten jedoch nicht vorgelegen, man habe nicht die Möglichkeiten wie die Staatsanwaltschaft, begründete der HR sein Abwarten. Emig wurde Ende Juni nach einer Durchsuchung seines Hauses und Büros verhaftet. Die Tätigkeit des Sechzigjährigen, zuletzt als Redakteur mit besonderen Aufgaben, bezahlt wie ein Sportchef, wäre Ende September in die "passive Altersteilzeit" ausgelaufen. Der Arbeitsgerichtsprozeß wird am 3. Mai nächsten Jahres fortgesetzt. (hs.)