Home
http://www.faz.net/-gzg-75kxd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kool Savas Wirf den Fehdehandschuh von vorvorgestern

Der selbsternannte „King Of Rap“ Kool Savas präsentiert im Offenbacher Capitol eine bodenständig anmutende Werkschau.

© Kretzer, Michael Vergrößern Tiefer Griff in die Repertoirekiste: Kool Savas in Offenbach.

Großspurigkeit, gepaart mit Größenwahn: Frei nach amerikanischem Vorbild wird auch im deutschen Hiphop grobe Selbstüberschätzung gerne mal mit angeblicher Authentizität verwechselt. Eine als vermeintliche Tugend getarnte Charakterschwäche, die sich wie ein roter Faden von Bushido bis hin zu Sido zieht. Inszenierte Provokationen, gespickt mit Kontroversen, die der durchschnittliche Fan als in Stein gemeißeltes Dogma wahrnimmt, die aber lediglich dem Zweck dienen, das Bankkonto des jeweiligen Protagonisten noch dicker anschwellen zu lassen. Erstaunlich bodenständig gestaltet sich da die von einem Hauch wehmütiger Nostalgie umflorte Werkschau des selbsternannten „King Of Rap“ Kool Savas beim finalen Tourneeauftritt im nicht optimal ausgelasteten Offenbacher Capitol.

Weniger ist mehr, lautet die Devise des Deutschtürken Savas Yurderi. Im Beiprogramm tummeln sich die handverlesenen Kollegen Architekt, KaynBock und Montez aus Bielefeld, DCVDNS aus Saarbrücken und der Hamburger Laas Unltd.. Zwischen den Auftritten moderiert Ben Salomo Rap-Battles mit lokalem Nachwuchs - spontan Gereimtes zumeist unterhalb der Gürtellinie. Provokante pubertäre Zotenattacken, kaum der Rede wert, die aber das großformatig in Sprayer-Graffitischrift im Bühnenhintergrund installierte Tourmotto konterkarieren: „Warum rappst Du?“. Eine gute Frage, deren Antwort Kool Savas im Gespann mit Laas Unltd. als Back-up-Rapper sowie einem DJ letztendlich schuldig bleibt. Wenn der 37 Jahre alte Kool Savas tief in die Repertoirekiste greift, um gut Abgehangenes wie „LMS“, „Fehdehandschuh“ oder „Und dann kam Essah“ zutage zu fördern, wirken die einstigen Bürgerschreck-Hymen wie Demoplakate von vorvorgestern.

Diesmal wird er nicht ausgebuht

Irritiert zeigt sich zumindest ein Teil des Publikums, als Kool Savas mit fünfköpfigem Chor aus ehemaligen Kandidaten von „The Voice Of Germany“ vier Stücke aus seinem mit Xavier Naidoo entstandenen Kollaborationsalbum „Gespaltene Persönlichkeit“ serviert. Im vergangenen Herbst plazierte sich das Werk immerhin auf Rang eins der Media Control Charts. In Zusammenarbeit mit Naidoo, dessen künstlerische Handschrift das Material dominiert, kamen für Savas atypische Songs wie „Gegen die Freundschaft“, „Wage es zu glauben“, „Lied vom Leben“ und „Schau nicht mehr zurück“ zustande.

Mit letzterem Titel gewann das Duo haushoch Stefan Raabs Bundesvision Song Contest 2012 - und wurde vom Berliner Publikum ausgebuht. Eine Erfahrung, die Kool Savas in Offenbach erspart bleibt. Mit den Klassikern „Brainwash“, „Das Urteil“, „Der beste Tag meines Lebens“ und „Sky Is The Limit“ erobert die seit mehr als einer Dekade aktive Rap-Galionsfigur souverän Terrain zurück.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Peinliche Gesangseinlagen Ich stimme das einfach mal an

Fußballer verspotten ihre unterlegenen Gegner, ein Fernsehjournalist gratuliert der Kanzlerin: Diese Woche bot gleich zwei denkwürdig schräge Gesangseinlagen. Eine kleine Hall of Fame des falschen Tons. Mehr

19.07.2014, 19:19 Uhr | Gesellschaft
Mehrzweckarena für Frankfurt und Offenbach In der Sackgasse

Die Ausschreibung der Multifunktionsarena kommt wieder nicht. Frankfurt und Offenbach finden keinen Lösungsweg. Das Projekt am Kaiserlei droht endgültig zu scheitern. Mehr

23.07.2014, 06:09 Uhr | Rhein-Main
Heinz Rudolf Kunzes Romandebüt Also sprach Heinz Rudolf

Rock statt Pop: Der Debütroman des Liedermachers Heinz Rudolf Kunze will zum Heiligen des Geistes durchdringen. Einiges hätte dabei jedoch ruhig aussortiert werden können. Mehr

23.07.2014, 20:46 Uhr | Feuilleton

Eingeschränkte Erleichterung

Von Matthias Alexander

Darmstadts Rathauschef Partsch ist zuzustimmen, wenn er hervorhebt, dass sich die neue Form des Antisemitismus nicht aus Altnazis speise. Es ist, als bekäme der originär deutsche Judenhass einen neuen Energieschub. Mehr 2