08.01.2012 · Im Konzertalltag der vergangenen 40 Jahre hat sich vieles verändert - nicht alles zum Guten.
Von Harald BudwegEin Konzerterlebnis in einer großen deutschen Stadt vor etwa 45 Jahren: Mehr als 2000 Menschen lauschen konzentriert einem Sinfoniekonzert. Im Saal ist es still, nur wenige gedämpfte Huster sind auszumachen. Eine ältere Dame verlässt aus Angst, ihren Husten nicht länger unterdrücken zu können, dezent den Ort des Geschehens. Das Licht wird nicht völlig heruntergedimmt, denn einige Besucher lesen während der Aufführung eine Partitur mit. Mitgehörte Pausengespräche reflektieren das soeben Gehörte, aber es wird auch die Frage diskutiert, ob die Akustik in der Berliner Philharmonie, im Amsterdamer Concertgebouw oder in der Londoner Royal Festival Hall am besten ist.
Ein Konzerterlebnis in einer kleinen deutschen Stadt, fast 40 Jahre später: Ein ortsansässiger Musiker pflegt solistische Ambitionen, und da ihn offenbar niemand einlädt, „kauft“ er sich ein unter allgemeiner Unterbeschäftigung leidendes Orchester aus dem deutschen Osten, um sich einmal so richtig präsentieren zu können. Die Sache geht jedoch gründlich schief - unser Mann erweist sich als völlig außerstande, seinen Part auch nur annähernd ordentlich abzuliefern. Mehrfach muss er unterbrechen und neu ansetzen - ein Gipfelpunkt der Peinlichkeit. Nur sollte man nicht das eigentlich Selbstverständliche annehmen: dass dieser durch krasses Unvermögen sich disqualifizierende Musikus sich anschließend in seinem Künstlerzimmer vergräbt und für niemanden zu sprechen ist. Ganz im Gegenteil: Der Herr übt gleichzeitig eine Art künstlerischer Leitungsfunktion aus, ist also gewissermaßen sein eigener Veranstalter, zeigt sich in der Pause vor Gönnern und Nichtkennern Sektglas schwenkend seinem geneigten Publikum und lässt sich einmal so richtig feiern.
Beide Situationen schildern zwar Extremfälle, doch auch in der Grauzone des dazwischen angesiedelten Konzertalltags haben sich die Gepflogenheiten in den vergangenen vier Jahrzehnten drastisch geändert. Die akustische Qualität eines Konzertsaals ist für viele längst kein Hauptkriterium mehr bei der Entscheidung für einen Konzertbesuch. Musik wird heute, wie ein Virtuose es einmal in liebevoller Übertreibung formulierte, in jeder Scheune angeboten. Diese Veranstaltungen zielen auch nicht mehr auf jene musikbegeisterte Bildungsbürgerschicht, die früher einmal für stabile Abonnementquoten sorgte, vielerorts heute aber so dünn geworden ist, dass sie sich fast im Nichts aufgelöst hat. Heute ist eher Amüsement angesagt; manche Interpreten vermeiden es, ein tragfähiges Programmkonzept zu erarbeiten; sie würfeln Petitessen, Tinnef, Piazzolla und Beethovens Klaviersonate op. 111 kunterbunt durcheinander und verkünden dem Publikum vielleicht noch freudestrahlend, sie wollten mit ihrer Veranstaltung eigentlich vor allem die gerade erschienene CD bewerben.
Ein Kennzeichen des heutigen Musiklebens ist die Erkenntnis, dass allzu oft mehr erzählt als musiziert wird. Dies betrifft nicht nur immer ungenierter während der Darbietung palavernde Konzertgänger, sondern oft genug die Künstler selbst, die sich offenbar einbilden, begnadete Entertainer zu sein. Schön spielen allein, so scheint es, genügt selbst dann nicht mehr, wenn man Albrecht Mayer heißt und Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker ist. Welche Art Hosen dieser begnadete Virtuose in seiner Jugend getragen hat, möchte zwar vielleicht nicht jeder Musikenthusiast wirklich wissen, aber dennoch: Mayer ist ein Instrumentalist neuen Stils, fast unangenehm kommunikationsfreudig, doch immerhin mit Niveau parlierend. Und es soll sogar Damen geben, die seine Wortbeiträge charmant finden.
Ein Teil der heutigen Branchen-Malaisse hat mit dem Umstand zu tun, dass Veranstalter es sich in einer Zeit, in der die Schere zwischen Kosten und Einnahmen sich immer weiter zuungunsten der Konzertmanager öffnet, kaum mehr leisten können, souverän Programmkonzepte zu erarbeiten, ohne gleichzeitig auf die Auslastungszahlen schielen zu müssen. Selbst die durch öffentliche Zuwendungen charakterisierten Institutionen - etwa die Alte Oper Frankfurt - sehen sich in dem Dilemma, zusätzlich Sponsorengelder herbeischaffen zu müssen. Der „Sponsorenkuchen“ muss dann eben in immer kleinere Stücke geteilt werden, weil immer mehr Hände sich danach strecken.
Und man sollte nicht denken, solche Auswüchse wie die des beschriebenen eitlen, doch künstlerisch kaum berufenen Selbstdarstellers regle der Markt: Auch so einer findet Sponsoren, die manchmal Qualität weder zu schätzen noch einzuschätzen wissen: Man pflegt lieber „corporate identity“ und solidarisiert sich selbst dann, wenn die Veranstaltung in unfreiwilliger Komik endet; man ist stolz, so etwas am eigenen Ort zu haben, obwohl es heute kaum mehr eine Gemeinde ohne „Musikfestival“ gibt, auch wenn dieser Titel dabei oft entwertet wird.
Bei dem in unserer Zeit zu beobachtenden Qualitätsverlust des Musiklebens spielen die Erzeugnisse der Event-Kultur eine wichtige Rolle, zumal im Zusammenhang damit deutlich ein Teufelskreis auszumachen ist. Der Mechanismus funktioniert - stark vereinfacht dargestellt - so: Um ein drohendes finanzielles Minus von zuweilen atemberaubend anschwellender Größenordnung - wofür ein einziger Konzertflop ausreichen kann - zu vermeiden, setzt ein Veranstalter auf Sponsoren. Die wollen sich und ihre Kunden verständlicherweise optimal bedienen: bloß nichts Schwergängiges. Dass tatsächlich Standardprogramme allerorten dominieren, weiß jeder Branchenkenner. Und voll muss der Saal werden - mit allen Mitteln: Die Platzauslastung ist die beste Voraussetzung, auch nächstes Jahr denselben Sponsor bei Laune zu halten. Wie erreicht man Erfolg? Man „stopft“, verschenkt also notfalls Hunderte von Karten, oft genug an Menschen, die mit den Gepflogenheiten eines Klassik-Konzerts vollkommen unvertraut sind und sich entsprechend benehmen. Oder man bietet die Musik als Beigabe zu einem „Lunch“- oder „Brunchkonzert“. Das Ergebnis ist ähnlich, weil dann manche Eventbesucher nicht vorrangig um der Musik willen erscheinen. So wie bei jener Matinee, über die ein Rezensent vor kurzem schrieb, die Musik habe sich zwischen Küchengeräuschen, Babygeplärr und Seniorenplausch zu behaupten versucht.
Selbstverständlich gibt es nach wie vor seriöse Konzertveranstaltungen und ernsthaft interessierte, kenntnisreiche Besucher. Doch es sind viel zu wenige in einer auf Masse statt Klasse zielenden Zeit. Überhaupt wird bei alledem der Zeitgeist erkennbar: Ungeniert den Proleten heraushängen zu lassen ist für manche heute schick. So wie gerade am Zweiten Weihnachtsfeiertag in einem renommierten Dresdner Hotel einige Teilnehmer einer Billig-Busreise am Frühstücksbüffet abenteuerliche Verhaltensweisen offenbarten, so benimmt sich auch so mancher Konzertbesucher laut und provozierend - und würde allzu gern die Bierflasche mit in den Saal nehmen, wenn man ihn nur ließe.
Konzertalltag
Friedrich Lengies (Ellen2)
- 09.01.2012, 14:22 Uhr