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Billy Joel in Frankfurt : Der Meister des Eklektizismus

  • -Aktualisiert am

Eindrucksvoll: Billy Joel bei seinem einzigen Deutschland-Konzert in Frankfurt. Bild: Silber, Stefanie

Ein einziges Konzert hat Billy Joel seit zehn Jahren jetzt in Deutschland gegeben: Die Fans im Frankfurter Waldstadion feierten ihn enthusiastisch.

          Lichterloh brennen zum Auftakt nicht nur Manhattans Wolkenkratzer samt der Freiheitsstatue. Auch die Fans, alle sind aufgestanden, lodern regelrecht vor Freude und Begeisterung. Auf den riesigen Projektionsflächen rechts und links der monumentalen Bühne spielt sich ein Endzeitinferno aus der Vogelperspektive ab, als wäre es von Katastrophenspezialist Roland Emmerich inszeniert worden. In der Bühnenmitte hat derweil unter kobaltblauem Lichtkegel eine ganz in Schwarz gekleidete Figur an einem sich beständig drehenden Flügel Platz genommen: Billy Joel.

          Ein nach wie vor äußerst klangvoller Name, der Jung und Alt auch von weither zum ersten und einzigen Deutschland-Gastspiel seit zehn Jahren in das Frankfurter Waldstadion lockt. Zumal das jüngste Studioalbum, das an der Klassik ausgerichtete „Fantasies & Delusions“, auch schon 15 Jahre zurückliegt. Seine letzte Pop-Produktion, „River Of Dreams“, lieferte der 67 Jahre alte Sänger, Pianist, Komponist und Texter gar vor 23 Jahren. Kaum wiederzuerkennen ist der Mann am Flügel, der wirkt, als könne Regisseur Martin Scorsese ihn in einem Mafiadrama als Paten-Darsteller einsetzen. Wenig später wird er bei seiner zum Teil auf Deutsch gehaltenen Begrüßung über sich selbst frotzeln: „Lange her, dass wir uns zuletzt begegnet sind. Ich habe keine Haare mehr und sehe mittlerweile aus wie mein Vater.“

          Eleganter Bar-Lounge-Jazz

          Das Klavierspiel geht aber noch: Wuchtig hallen die Akkorde des Einstiegssongs „Miami 2017 (Seen The Lights Go Out On Broadway)“ durch die komplett bestuhlte Arena. Mit Leidenschaft und Grandezza haut Billy Joel in die Tasten. Und in der opulenten, mehr als zweistündigen Werkschau mit mehr als zwei Dutzend Songklassikern beweist er sowohl Fingerfertigkeit als auch, dass er nichts von seiner Stimme eingebüßt hat. Unterstützt von einem exzellenten Ensemble aus tadellosen Teamplayern und Solisten, das der Pop-Legende schon zur Seite stand, bevor sie im Januar 2014 begonnen hatte, allmonatlich im Madison Square Garden aufzutreten.

          Auch der zweite Song stammt aus Joels viertem Studioalbum „Turnstiles“: Ein eindringliches Porträt liefert „Prelude/Angry Young Man“ mit im Stakkato gehämmerten Noten über die ungestüme Sturm-und-Drang-Zeit der männlichen Jugend, ihre Ungeduld, ihre Ängste und ihre Verluste. Kontrastreich folgt der Ohrwurm „Just The Way You Are“ aus „The Stranger“ (1977), ein eleganter Bar-Lounge-Jazz, klangveredelt durch die saftigen Soloeinlagen vom langjährigen Saxophonisten Mark Rivera. Aus seinem ersten Multiplatinwerk „The Stranger“ rekrutieren sich weitere hochkarätige Songs: das ironische New Yorker Sozialporträt „Movin’ Out (Anthony’s Song)“, die urige Milieustudie „Scenes From An Italian Restaurant“ und die Reverenz an den eigenen Vater „Vienna“, und so geht es bis in den Zugabenteil weiter.

          Auflockerung erfährt die Konzentration auf Hits und Albenklassiker durch die eine oder andere ungewöhnliche Zäsur: Perfekt in Stimme und Stil ahmt Joel da Elton Johns „Your Song“ nach – die beiden Superstars sind zwar auch schon gemeinsam auf Tour gewesen, haben sich aber schon seit Jahrzehnten gegenseitig über die Medien durch den Kakao gezogen. Mag sein, dass an Sir Elton die Tatsache nagt, dass Joel seine Songs auch selbst betexten kann. Joel hingegen ist früher öfter mal als „amerikanischer Elton John ohne Glanz und Glamour“ bezeichnet worden. Zur E-Gitarre greift Joel für die knackige Coverversion von AC/DCs „Highway To Hell“ mit Gitarren-Roadie Chainsaw als erstaunlichem Bon-Scott-Ersatz.

          30 000 textsichere Kehlen

          Und dann gibt es auch noch Puccinis „Nessun dorma“, makellos gesungen – von Gitarrist Mike DelGuidice. Zweimal lässt Billy Joel das Publikum zwischen jeweils zwei Songs entscheiden: „Vienna“ obsiegt locker über „Summer, Highland Falls“, „For The Longest Time“ mit dem Oldie „The Lion Sleeps Tonight“ über „Say Goodbye To Hollywood“. Minutenlangen Applaus kassiert „Leningrad“. Dazwischen plazieren sich Muntermacher: „My Life“ mit Beethovens integrierter „Ode an die Freude“ oder der mit dem Motown-Evergreen „Heatwave“ gekoppelte Gospel „The River Of Dreams“.

          Als Billy Joel sich in aller Ruhe die Mundharmonikahalterung anpasst, raunt es im Auditorium schon aus allen Ecken: „Piano Man“ – und tatsächlich kommt da der allererste Hit von 1973. 30 000 Kehlen schmettern textsicher „Sing us a song, you’re the piano man. Sing us a song tonight. Well, we’re all in the mood for a melody“ – nicht zum ersten Mal zeigt sich Billy Joel sichtlich gerührt von der ihm entgegengebrachten Zuneigung. Gegen Ende setzt sich Joels stets perfekter Stil-Eklektizimus fort mit „Uptown Girl“. Und Led Zeppelins wüstes „Rock And Roll“ fusioniert der Meister zum Finale mit einem traumhaft verrockten „You May Be Right“.

          Quelle: F.A.Z.

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