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Veröffentlicht: 14.06.2016, 10:14 Uhr

AnnenMayKantereit Das Glück ist eine Altbauwohnung mit Balkon

Lieder für die Generation Z: Die sagenhaft erfolgreiche Band AnnenMayKantereit tritt in der Frankfurter Batschkapp auf. Das Publikum ist vollends zufrieden - trotz Handyverbots.

von Michael Köhler, Frankfurt
© Marcus Kaufhold Leben, Liebe, Leid: Henning May und seine Band AnnenMayKantereit haben mit ihren Songs einen Nerv getroffen.

Da verstand AnnenMayKantereit-Sänger Henning May keinen Spaß mehr. „Auf einem Konzert bedarf es keiner Handys, höchstens eines Biers in der Hand beim Tanzen“, monierte er mit rauher, scheinbar von vielen Zigaretten und reichlich Hochprozentigem in Form gebrachter Jungmännerstimme ein wenig unwirsch, aber nicht unsympathisch. Den passenden Song gab es gleich dazu: „Du bist überall“. Dabei hatte sich der schlaksige Mittzwanziger eben noch artig für den krankheitsbedingten Ausfall des ersten von zwei ausverkauften AnnenMayKanterei-Konzerten in der Batschkapp Ende April entschuldigt und auch nicht vergessen, das treue Publikum zu loben: „Ich bedanke mich bei euch, dass ihr trotz des EM-Auftakts der deutschen Mannschaft zu uns gefunden habt.“

Vom musizieren auf der Straße zum Goldalbum

Und dann das. May kritisierte, dass ebendieses Publikum massenhaft Smartphones in die Höhe hielt. Doch die Ansage zeigte Wirkung. Nicht wenige Handys verschwanden flugs in den Taschen des mehrheitlich jungen Publikums. Ob danach aber der Bierverkauf dramatisch zunahm, ließ sich beim Nachholtermin der Kölner Überflieger-Formation in der proppenvollen Frankfurter Batschkapp nicht ausmachen. Zu dicht drängten sich die Besucher in der Halle.

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Dafür waren überall zufriedene Gesichter zu sehen, ein Zustand, der sich schon nach dem Auftaktsong „Nicht Nichts“ beobachten ließ. In dem von bleischwerer Melancholie gekennzeichneten Folksong mit wehmütigem Melodica-Solo lamentierte May über die eigene monatelange Trägheit nach dem Aus einer Beziehung. Er klang dabei sperrig und harsch, ganz so, als ob sich die laute Reibeisenstimme von Hans Hartz mit der des jungen Rio Reiser bei Ton, Steine, Scherben und der Musik von Witthüser & Westrupp überblendet hätte. Weitere Einblicke in den Gefühlshaushalt junger Männer folgten, textsicher begleitet vom großen Chor der Fans. Das Positivresümee „Es geht mir gut“ liebäugelte mit NDW-Funk vom Schlage Fehlfarben, und das platonische „Wohin Du gehst“ feierte die Männerfreundschaft. Für die Ex-Freundin hingegen gab es dagegen die etwas maliziöse Empfehlung „Mir wär lieber, du weinst“. Dazu begleitete Christopher Annen, der gelegentlich auch zur Mundharmonika griff, mit schroffen E- oder Akustikgitarre-Akkorden. Severin Kantereit trommelte punktgenau im engen Gespann mit dem seit 2014 ins Trio integrierten Bassisten Malte Huck. Gelegentlich zum jazzigen Einsatz kam Ferdinand „Ferdi“ Schwarz an der Trompete.

„Und du wirst 21, 22, 23, und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst.“

Vor noch nicht allzu langer Zeit fungierten die 2011 in Köln-Sülz gegründeten AnnenMayKantereit noch als Straßenmusikanten. Ein selbstvertriebener, längst vergriffener Tonträger erschien vor drei Jahren. Jüngst plazierte sich das mittlerweile schon vergoldete offizielle Debüt „Alles nix Konkretes“ auf Rang eins der Media Control Charts. Urplötzlich liebt jeder diese Gruppe, die wohl Konsensband der gerade durchstartenden Generation Z ist. Man könnte sie auch als Generation Nix Konkretes titulieren, die sich nicht so recht für etwas Eindeutiges entscheiden mag. Da hält man es lange bei den Eltern zu Hause aus, träumt aber vom kleinen gemeinsamen Glück mit der Holden wie im Song „3. Stock: Zwei Zimmer, Küche, Bad und ’nen kleinen Balkon“.

Eher für Verblüffung im Programm sorgten da der sich am Standard „St. James Infirmary“ orientierende Blues „James“ und Bobby Hebbs eigentlich schon zu Tode gecoverter Klassiker „Sunny“, beide in englischer Sprache gesungen und ausgezeichnet interpretiert. Gut möglich, dass die Kölner auch von einer internationalen Karriere träumen. Ihre Fans mögen es derzeit aber lieber auf gut Deutsch und feiern mitten aus dem Leben gegriffene Geschichten wie jene vom „Krokodil“ oder von „Pocahontas“. Es sind Lieder mit viel Herzschmerz, über zerbrochene Freundschaften, illusionäre Fernbeziehungen oder verstrahlte Stunden im Morgengrauen, Zustände, die einen Menschen um die zwanzig eben bewegen. Oder wie es AnnenMayKantereit zum Finale ihres Konzerts auf den Punkt brachten: „Und du wirst 21, 22, 23, und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst.“ Schwierige Phase halt.

AnnenMayKantereit spielen am 4. März 2017 in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

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