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Interview mit Fraport-Chef : „So kann das in Deutschland nicht weitergehen“

Dicke Luft mit Lufthansa: Fraport-Chef Stefan Schulte sucht nach den Ursachen. Bild: dpa

Am Frankfurter Flughafen herrscht dicke Luft zwischen Fraport und der Lufthansa. Im F.A.Z.-Interview erklärt Stefan Schulte, was der Grund dafür ist. Und wie er die Wartezeiten an den Passagierkontrollen verkürzen will.

          Ist das nicht eine merkwürdige Praxis zwischen Lufthansa und Fraport: Man ist ständig in Kontakt, und trotzdem rügt Lufthansa-Chef Carsten Spohr bei jeder Gelegenheit öffentlich den Frankfurter Flughafen scharf wegen der Abläufe?

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Ich bin schon über das ein oder andere Statement irritiert. Ich lasse mich aber nicht auf ein Schwarzer-Peter-Spiel ein.

          Müssen Sie nicht darauf reagieren?

          Das tun wir zusammen mit allen beteiligten Partnern, insbesondere auch der Lufthansa. Der Flughafen Frankfurt ist der mit Abstand größte Hub für die Lufthansa, und für uns ist Lufthansa der größte Kunde. Wir müssen also gemeinsam ein Interesse haben, Qualität und Prozesse weiter zu verbessern.

          Aber es funktioniert offenbar nicht.

          Doch, nach wie vor ist Frankfurt ein erstklassiges Luftverkehrsdrehkreuz. Sie müssen aber auch sehen, dass Luftverkehr eine Gemeinschaftsaufgabe aller Systempartner ist. Um Prozesse zu verbessern, brauchen Sie den Flughafenbetreiber, die Airlines und die Flugsicherung. Und wenn Sie die Sicherheitsfragen hinzunehmen, brauchen Sie auch noch die Bundespolizei und das Bundesinnenministerium. Deswegen ist es wirklich notwendig, das Ganze als System zu begreifen.

          Das System gibt es nicht erst seit gestern. Was ist denn der Grund für die aktuellen Schwierigkeiten?

          Da muss man nur einmal auf die Verkehrsentwicklung schauen. Der Flughafen hat zwischen 2012 und 2016 ein moderates durchschnittliches Wachstum von 1,0 bis 1,5 Prozent gehabt. Schauen wir nun auf die Jahre 2017 und 2018, dann sehen wir ein Wachstum von mehr als sechs Prozent, was etwa einem Plus von vier Millionen Passagieren jährlich entspricht. Das ist ein Wachstum, das etwa dem Gesamtvolumen des Nürnberger Flughafens gleichkommt. Das hat niemand vorhergesehen, auch die Lufthansa nicht. Wir haben also sehr kurzfristig einen ganz erheblichen Verkehrszuwachs gesehen.

          Zuletzt übertraf das Wachstum die Prognosen noch dramatischer.

          Richtig. Im Oktober basierte die Personalanforderung der Bundespolizei für die Sicherheitskontrollen in diesem Jahr auf zirka fünf Prozent Wachstum. Tatsächlich haben wir aber in den ersten vier Monaten ein Wachstum von neun bis zehn Prozent gesehen.

          Und das führte zum Personalnotstand?

          Die Sicherheitsdienstleister wie auch wir haben natürlich im Herbst sofort die Rekrutierungsbemühungen intensiviert, um auf die erwarteten fünf Prozent Zuwachs vorbereitet zu sein. Aber dieser Prozess nimmt natürlich einige Zeit in Anspruch. Nach Bewerbung und Einstellung folgen ja noch die Sicherheitsüberprüfung und die Schulungen, bevor die Dienstleister das Personal einsetzen können. Wenn dann die Passagierzahl statt um fünf plötzlich um rund neun Prozent wächst, können sie das zusätzlich benötigte Personal so kurzfristig gar nicht nachschieben. Fakt ist auch, dass wir nicht allein das Personal an den Sicherheitskontrollen stellen, etwa die Hälfte des Personals kommt von dem anderen Dienstleister.

          Es geht nicht nur um das Personal, sondern auch um die Abläufe, um zu wenige Kontrolllinien?

          Stimmt. Um die zusätzlichen Passagiere zu kontrollieren, benötigen wir in der Tat weitere Kontrolllinien. Hierfür schaffen wir gerade die räumlichen Voraussetzungen.

          Die zusätzliche technische Ausstattung können Sie ja schon besorgen – oder?

          Das dürfen wir gerade nicht, denn das liegt nicht in unserer Verantwortung.

          Sondern bei wem?

          Dafür ist die Bundespolizei beziehungsweise das Bundesinnenministerium zuständig.

          Wieso dauert das lange?

          Sie brauchen dafür ein Budget im Haushalt. Und nach der langwierigen Regierungsbildung gibt es nach wie vor noch den alten Haushalt und damit in dieser Sache nicht die erforderlichen Budgettitel. Und wenn für die neuen Linien dann Umbauten nötig sind, müssen wir noch die Bauaufsicht hinzuziehen.

          Der Flughafen tut sich also viel schwerer mit dem starken Wachstum als Airlines?

          Eine Airline kann bei einer hohen Nachfrage schnell ihr Angebot und den Vertrieb anpassen. Aber bei einer Infrastruktur wie einem Flughafen mit seinen langjährigen Planungs- und Bauzyklen ist das leider nicht möglich.

          Das weiß doch die Lufthansa. Warum hängt dann deren Chef Spohr Fraport – salopp gesagt – öffentlich derart hin?

          Da müssen Sie Herrn Spohr fragen. Ich will mich dazu auch gar nicht näher äußern. Die Art und Weise, wie hier Kritik in die Öffentlichkeit getragen wird, ist allerdings nicht mein Stil.

          Abgesehen von Stilfragen: Sie dürften doch in der Ursachenanalyse nicht weit auseinanderliegen?

          Das weiß sicher auch die Lufthansa. Wir sitzen ja mehr oder minder jede Woche selbst auf Vorstandsebene zu operativen Themen zusammen. Beide Unternehmen wissen, dass es zwei zentrale Themen sind, an denen wir auch gemeinsam arbeiten: Das sind zum einen die Sicherheitskontrollen, die zu lange dauern, und zum anderen die reduzierte Pünktlichkeit. Die Wartezeiten sind vor allem den ineffizienten Verantwortlichkeiten und Prozessabläufen an den Sicherheitskontrollen – gekoppelt mit dem überraschend starken Verkehrswachstum – geschuldet. Und das Hauptwachstum kommt ja durch Lufthansa, nicht durch Low-Cost-Airlines. Außerdem wissen wir, dass Flughäfen in Amsterdam, Brüssel und London doppelt so viele Passagiere je Linie kontrollieren können.

          Dieser Unterschied ist nicht neu.

          Deshalb sind alle Flughäfen und Airlines übereingekommen, dass das in Deutschland so nicht weitergehen kann. Dazu haben wir eine gemeinsame Position an die Politik adressiert: Mindestens die großen Flughäfen sollen die Gesamtverantwortung für den Sicherheitsprozess bekommen. Die Fachaufsicht verbleibt bei Bund oder Land, aber die konkrete operative Verantwortung erhalten die Flughafenbetreiber, die die Prozesse organisieren können. Diese Position teilt inzwischen übrigens auch die Bundespolizei, die uns hier in Frankfurt sehr konstruktiv unterstützt.

          Wie würde denn der optimale Prozess aussehen, wenn Fraport es alleine, in der Hand hätte?

          Erst einmal würde es an jeder Stelle des Prozesses Überholmöglichkeiten geben. Dann müssen mehrere Passagiere gleichzeitig ihr Handgepäck einlegen können. Die Kontrolle des Gepäcks am Bildschirm müsste in einem separaten Raum erfolgen, in dem in Ruhe und konzentriert gearbeitet werden kann. Dazu kommen mindestens zwei Körperscanner und am Ende wieder mehr Entnahmemöglichkeiten für Passagiere – in Summe bedeutet dies zwar längere Bänder, aber dann auch kürzere Wartezeiten.

          Keine revolutionär neuen Erkenntnisse.

          Im Gegensatz zu anderen internationalen Flughäfen ist dieser Ansatz in Deutschland derzeit nicht machbar. Das weiß das Bundesinnenministerium, und deshalb gibt es auch erste Schritte. Aber es geht viel zu langsam. Und Sie müssen bedenken, dass man bereits zertifizierte Sicherheitstechnik aus EU-Ländern noch einmal für den Einsatz in Deutschland zertifizieren muss. Das halte ich für Unfug! Es muss doch möglich sein, eine in der EU zertifizierte Technik in Deutschland direkt einzusetzen.

          Das ist nicht möglich?

          Nein. Und abgesehen davon geht es darum, Sicherheitsdienstleister zu beauftragen, die auch die Verkehrsspitzen an den großen Hubs mit ausreichend Personal beherrschen können.

          Sie meinen die Wellen, in denen Verkehr und Passagieraufkommen an den großen Hubs auftreten?

          Ja. Es nützt mir ja nichts, wenn der Dienstleister seine Leute gleichmäßig über den Tag verteilt an die Kontrolllinien schickt. Das muss sich natürlich an dem tatsächlichen Bedarf orientieren. Und der fällt im Tagesverlauf unterschiedlich aus. Nun hoffen wir, dass wir in diesem Jahr noch zu einer einheitlichen Lösung kommen. Und deshalb ist es wichtig, dass die Luftverkehrswirtschaft mit einer Stimme spricht.

          Da sind Schienbeintritte der Lufthansa sicher nicht hilfreich.

          Stimmt, und genau deshalb treten wir in Berlin ja auch mit einer Stimme auf.

          Das zweite Thema, das Spohr kritisiert, ist die geringere Pünktlichkeit.

          Die Pünktlichkeit ist letztes Jahr in ganz Europa zurückgegangen, das ist richtig. Dazu muss man aber sehen, dass Frankfurt als Drehkreuz mit der weltweit größten Konnektivität ganz besonders die Auswirkungen des vollen Luftraums zu spüren bekommt. Das hängt also ebenfalls mit dem starken Verkehrswachstum insgesamt in Europa zusammen. Trotzdem: Wir liegen in der Pünktlichkeit im europäischen Vergleich der großen Flughäfen nach wie vor auf einem guten dritten Platz. Hier wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern besser werden. Hinzu kommt eine Tarifpolitik der Airlines, die dazu führt, dass Passagiere weniger Koffer aufgeben und mehr Handgepäck an Bord nehmen. Dies führt zu zusätzlichem Aufwand an der Kontrolle und somit zu längeren Wartezeiten.

          Schnell lässt sich das alles nicht lösen. Wie bekommen Sie denn nun Pfingsten und den Sommer hin?

          Die Personalsuche und Einstellung von Mitarbeitern der Dienstleister läuft auf Hochtouren. Das sehen Sie an fast jeder Ecke in Frankfurt. Und wir sind erfolgreich, die Zahl der Bewerbungen ist steil nach oben gegangen. In den Spitzen wird es in den Terminals voll werden, ja. Es wird auch gelegentlich dadurch längere Wartezeiten geben. Aber wir werden es letztlich mit all den eingeleiteten Maßnahmen hinbekommen. Mein Dank gilt insbesondere den Beschäftigten vor Ort, die tagtäglich trotz widriger Rahmenbedingungen alles daransetzen, dass unseren Fluggästen eine bestmögliche Qualität geboten wird. In ihrem Interesse wie auch im Interesse unserer Passagiere brauchen wir dringend die notwendigen politischen Entscheidungen.

          Neue Kritik nach Datenpanne Gestern hat die Lufthansa wieder einen Anlass gesehen, sich über den Frankfurter Flughafen zu beklagen. Ein mehrstündiger Systemausfall am Morgen hatte zur Folge, dass gut 70 von 1560 Flügen annulliert wurden. Wie ein Fraport-Sprecher erläuterte, war die Datenübermittlung zwischen Airlines, Flughafen und Deutscher Flugsicherung gestört gewesen, weshalb die Daten nicht automatisch, sondern quasi händisch weitergeleitet werden mussten. Das habe zu Verzögerungen geführt. Um 13 Uhr seien die Schwierigkeiten behoben gewesen. Die Lufthansa musste 23 Flüge streichen. Harry Hohmeister, im Lufthansa-Vorstand verantwortlich für das Hub-Management, äußerte, der Konzern erwarte, dass Fraport die offensichtlichen Infrastrukturprobleme in Frankfurt schnell beseitige.

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