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Veröffentlicht: 20.04.2017, 15:18 Uhr

Kommune 2010 in Offenbach Zwischen Wohnzimmer und Asphaltwüste

Darauf haben in Offenbach viele gewartet: Ein altes Fabrikgelände, auf dem Bands proben und Konzerte stattfinden. Doch die Kommune 2010 hat es nicht leicht, und das liegt nicht nur an den Bässen.

von Elena Witzeck
© Helmut Fricke Riffs: In einem Übungsraum der Offenbacher Kommune 2010 probt eine Punkband namens Coban

Wer bei der Kommune 2010 anklopft und eine Bitte äußert, bekommt Hilfe. Zwar nicht immer schnell, denn auf dem alten Offenbacher Fabrikgelände spielt Zeit keine besondere Rolle. Aber es ist immer jemand da, der sich um Gäste und Neue kümmert, durch Hintertüren in das Labyrinth von Gängen, Proberäumen und Hallen führt, Kaffee macht, erzählt. Zum Beispiel der Produzent mit dem weißen Bademantel, der sich Soul nennt und ein Tonstudio auf dem Gelände hat. Oder Daniel, der wie der Bassist einer Metallband aussieht, aber Instrumentenständer baut. Eine Kommune eben. Der Rapper Haftbefehl habe sich bei seinem letzten Besuch gut aufgehoben gefühlt, sagen die Mitglieder. Höflicher Mann, und sehr professionell.

Aber in diesem Frühjahr ist Johannes Persson, Gründer und Organisator der Kommune, nicht gut drauf, deshalb geht es nicht ganz so entspannt zu wie sonst. Es ist Montagnachmittag, auf dem Gelände an der Sprendlinger Landstraße, wo vor acht Jahren noch Fördersysteme für Automobilzulieferer hergestellt wurden, ist nicht viel los. Persson läuft mit weiten Schritten ins Studio, vorbei an einem Schlagzeuger, der sich um die Tonaufnahmen kümmert, und lässt sich in der „Chill-out-Lounge“, einem fensterlosen Raum über dem Tonstudio, auf eines der vielen Sofas fallen. „Überall legen sie einem Steine in den Weg“, schimpft er. Es ist wegen der Konzerte.

Künstlerateliers, Konzerte und Festivals

Vor sieben Jahren hat Persson einen Teil der leerstehenden Gebäude gemietet. Damals war die Firma Fredenhagen insolvent, und das Gelände mit den Backsteinhallen und den vielen kleinen Räumen stand auf einmal leer. Persson war eigentlich nur auf der Suche nach einem Proberaum für seine Band, aber dann wurde der Veranstaltungskaufmann Pächter des Grundstücks, das von der Straße bis zum Wald reicht. Seitdem proben Bands auf dem Fabrikgelände, es gibt Künstlerateliers, Konzerte und Festivals, und seitdem gibt es auch die Kommune.

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Seit 2010 hat sich viel verändert. Persson hat Wasserleitungen verlegt, Wände eingerissen, Rasen gesät. Ein Wohnzimmer wurde im Laufe der Zeit zum Proberaum umfunktioniert, um mehr Platz für Bands zu schaffen. „Gefühlt 20 Umzüge“ waren das laut Persson. Planungssicherheit gab es keine, zeitweise war von Plänen die Rede, das nur zur Zwischennutzung verpachtete Grundstück solle verkauft werden. Obwohl sich die Kommune zunehmend als Ort für Konzerte und Kreative etablierte, blieb die Unterstützung der Stadt aus.

Wie es dennoch funktioniert? Persson zuckt mit den Achseln. „Solange wir genug Geld für die Miete zusammen bringen, kann es hoffentlich so weitergehen.“ Der 150 bis 200 Euro hohe Monatsbeitrag der Musiker reicht dafür nicht aus. Mit Partys und der Vermietung der Räume für Feiern und Videodrehs verdient die Kommune dazu. Aber dann sollte Persson noch 80 000 Euro für den Brandschutz aufbringen. Völlig unmöglich. Doch es scheint einen Kompromiss gegeben zu haben. 50 Bands proben aktuell auf dem Gelände, zwischen 16 und 60 Jahre alt sind die Mieter. „Ich kann froh sein, dass alle brav ihre Miete zahlen“, sagt Persson. Und dass es immer genug Nachfrage nach Räumen gebe und alle mithülfen.

Wenn Johannes Persson mit Basecap und einem ausgeleierten T-Shirt in seiner Chill-out-Lounge sitzt, sieht er nicht aus wie einer, der jede Woche 500 Leute auf dem Gelände koordiniert. Aber diejenigen, die sich nach großen Open-Air-Konzerten in Offenbach gesehnt haben, bei denen hin und wieder auch jemand wie der Rapper Haftbefehl auftritt, hat er überzeugt. Zu den Festivals kommen junge Leute auch aus Darmstadt, Mainz und Wiesbaden. Die Stilrichtungen sind massentauglich: Beim „All Area“-Festival gibt es Straßenrap, bei „Rock in den Mai“ natürlich Rock, und zum „Kuddelmuddel“-Festival kommen Techno-Fans. Offiziell sind nicht mehr als 500 Besucher auf dem Gelände erlaubt. Wie viele tatsächlich kommen, ist auf Youtube zu sehen: Hüpfburgen, Wasserschlachten, ein wogender Innenhof. Sehr friedlich sieht das aus, aber laut kann es natürlich werden, und das ist das Problem.

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