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Kommentar Zwischen den Jahren

27.12.2011 ·  Eigentlich stimmt der Ausdruck gar nicht - „zwischen den Jahren“. Noch immer gehören nämlich die fünf Tage nach dem 2. Weihnachtstag bis Neujahr zum alten Jahr.

Von Peter Lückemeier
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Eigentlich stimmt der Ausdruck gar nicht - „zwischen den Jahren“. Noch immer gehören nämlich die fünf Tage nach dem 2. Weihnachtstag bis Neujahr zum alten Jahr. Und dennoch trifft die Bezeichnung die Sache ganz gut: Es ist wirklich eine Art Transition zwischen noch nicht ganz Vergangenem und noch nicht frisch aufgebrochenem Neuen, eine Zeit des Übergangs. Und da alles immer schneller gehen muss, liegen die Bildbände mit dem Rückblick auf ein Jahr, das noch gar nicht vergangen ist, längst in den Buchhandlungen. Und ihre Käufer haben sich halt selbst betrogen, sollte „zwischen den Jahren“ noch etwas wirklich Bedeutendes wie Thomas Gottschalks Rücktritt vom Rücktritt geschehen.

Ganz besonnene Naturen nutzen diese Tage vielleicht für einen persönlichen Jahresrückblick und resümieren Erfolge und Fehlgriffe. Oder sie versuchen, wie Roland Koch das immer gemacht haben soll, das ganze Jahr zu planen. Ein ganzes Jahr! Jetzt schon zu wissen, wann man wo sein wird, wann man Urlaub macht, wen man zu treffen gedenkt und womöglich auch noch, wie viel Geld man spart, ehe dessen Wert sich sowieso pulverisiert, das wäre etwas, muss aber den wahren Lebensstrategen überlassen bleiben.

Was mag dahinter stecken?

Wer lieber in das Jahr hineinlebt, bevölkert jetzt vielleicht die Innenstädte, in denen es „zwischen den Jahren“ so angenehm viele freie Parkplätze gibt und wo man - Klimawandel! - beinahe ohne Wintermantel umherspazieren und Weihnachtsgutscheine einlösen kann. Denn die sind, so lernen wir es, das viertbeliebteste Geschenk in Deutschland geworden. Nach Büchern, Duftwässern und Kinderspielzeug.

Was mag dahinter stecken? Doch sehr wahrscheinlich ist es ein weiterer Beleg dafür, dass die Menschen keine Lust haben, sich wirklich in die Wünsche des anderen hineinzuversetzen, um ihm etwas Herzensgenaues zu schenken. Die Tiefe der Zuneigung ist dann an der Höhe des Gutscheinwertes abzulesen. Irgendwie schade. „Das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt.“ So hat es Adorno formuliert. Wahrscheinlich „zwischen den Jahren“.

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Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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