Einer lügt. Der Wanderarbeiter auf der EZB-Baustelle oder sein Arbeitgeber. Ob die Vorwürfe, dass der Mann um seinen Lohn betrogen wird, wirklich zutreffen, lässt sich nicht belegen. Aber es ist ein Hinweis, dass in dem System etwas falsch läuft. Und die EZB ist ein Teil des Ganzen. Indem Bauherren nämlich die Bauleistungen an Unternehmen vergeben, die wiederum Subunternehmer beauftragen, entledigen sie sich der Verantwortung, für die Einhaltung von Mindeststandards zu sorgen.
Damit zum Beispiel polnische Subunternehmer erfolgreich auf dem deutschen Markt agieren können, müssen sie günstiger sein als ihre Konkurrenz. Früher ging das mit Dumpinglöhnen. Seit der Mindestlohn eingeführt wurde, hat sich die Situation der Wanderarbeiter zwar gebessert. Aber ihre Arbeitgeber müssen noch schärfer kalkulieren, um im Markt zu bestehen. Das macht erfinderisch: Ob jemand länger arbeitet, als vertraglich vereinbart, lässt sich kaum kontrollieren. So öffnet das System der nachgeordneten Vergabe der Ausbeutung Tür und Tor.
Ein erbärmliches Leben
Die EZB gilt als toller Arbeitgeber - für ihre eigenen Mitarbeiter. Wer bei der Notenbank einen der rund 1400 Jobs ergattert, hat einen Sechser im Lotto. Er arbeitet unter komfortablen Bedingungen, bekommt Sprachkurse finanziert, wird bei der Wohnungssuche unterstützt. Für diejenigen aber, die das schicke neue EZB-Hochhaus bauen, gilt das nicht.
Wie erbärmlich das Leben der Wanderarbeiter auf der EZB-Baustelle ist, können sich viele kaum vorstellen. Sie hausen in Massenunterkünften, zu viert in einem Zimmer, für das sie nach eigenen Worten auch noch 120 Euro zahlen. Menschen aus halb Europa arbeiten in der EZB. Menschen aus halb Europa bauen die EZB. Es sind zwei Klassen von Europäern.
Und, liebe FAZ?
Martin Schwoerer (ms-ffm)
- 04.06.2012, 20:06 Uhr