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Kommentar zum Suhrkamp-Umzug Verluste für Stadt und Verlag

07.02.2009 ·  Suhrkamp zieht nach Berlin. Offenbar ist der Verlag angeschlagen. Denn ohne ökonomische Not geht man das Risiko einer solchen Wurzelbehandlung nicht ein. Die Hauptstadt lockt mit Subventionen.

Von Michael Hierholzer
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Der Mythos lebt. Auch wenn sein Fundament längst brüchig geworden ist. Suhrkamp zehrt von seiner Vergangenheit. Gleiches gilt für Berlin. Die Suhrkamp-Kultur hat sich längst aus dem Hier und Jetzt verabschiedet und beruht im Wesentlichen auf der in der deutschen Verlagslandschaft allerdings einzigartigen Backlist. Berlin aber kann sich noch so anstrengen und Künstler aus aller Welt anziehen, die gegenwärtige Situation hält doch schwerlich einem Vergleich mit den zwanziger Jahren stand, auf die man dort seit der Wiedervereinigung starrt. Während der Verlag nun freilich mit seinem Umzug Traditionen kappt, die seinen Mythos nähren, verleibt sich die Hauptstadt alles ein, was der seit Kaiserzeiten überlieferten Legende vom kulturellen Zentrum nutzt. Suhrkamp ist ein höchst willkommenes Beutestück.

Der Verlust ist äußerst schmerzlich

Der Verlag ist offenbar angeschlagen. Ohne ökonomische Not geht man das Risiko einer solchen Wurzelbehandlung nicht ein. Berlin lockt mit Subventionen. Eine Verlagerung bringt eine Verschlankung mit sich – nicht alle Mitarbeiter werden sich mit auf den Weg begeben. Dabei ist dieser Verlag so eng mit einer Stadt und den von ihr ausgehenden Denkströmungen verbunden wie kein zweiter. Der Geist weht, wo er will: Ein paar Jahrzehnte lang hat er sich Frankfurt ausgesucht und im Verlagsgebäude an der Lindenstraße sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Nun sind die Dinge, seit ein Suhrkamp-Autor „Die neue Unübersichtlichkeit“ diagnostiziert hat, diffuser geworden. In Berlin ist der Wille zwar groß, den Geist zum Wehen zu bewegen. Dass ein Rudel deutscher Schriftsteller in Prenzlauer Berg wohnt, sagt jedoch nicht viel aus über den geistigen Zustand an der Spree.

Für Frankfurt, das lässt sich unumwunden sagen, ist der Verlust äußerst schmerzlich. Und auch für eine Kulturpolitik, die sich in letzter Zeit verstärkt den literarischen, verlegerischen, intellektuellen Prägungen der Buchmessen-Stadt widmete. Frankfurt hat vom Mythos Suhrkamp profitiert. Jetzt wird die Stadt noch nüchterner.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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