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Kommentar zu Rotlicht-Milieu : Überflüssig ist sie nicht

Frankfurter Normalität: Buntes Treiben im Bahnhofsviertel. Bild: dpa

Frankfurt als die Stadt, die von den Bossen des Rotlicht-Milieus regiert wird, ist Geschichte. Dennoch bleiben die gleichen Fragen: Was kann die Kommune gegen „die Prostitution“ tun? Wie kann man die Frauen vor Ausbeutung und Misshandlung schützen?

          Frankfurt als die Stadt, die von den Bossen des Rotlicht-Milieus regiert wird, ist Geschichte. „Der Schattenmann“, ein Fernsehspiel, das den vermeintlichen Skandal fünf Abende lang auswalzte, war nett anzuschauen, mehr war nicht dran. Gelassen kann man im Römer inzwischen auf die Anfang der neunziger Jahre herrschende Empörung zurückblicken. Oder auch nicht. Denn im Grunde stellen sich heute noch die gleichen Fragen. Was kann die Kommune gegen „die Prostitution“ tun? Wie kann man die Frauen vor Ausbeutung und Misshandlung schützen? Und wie stellt die Stadt sicher, dass die Geschäfte mit Sex keine Unbeteiligten gefährden?

          Die Sperrgebietsverordnung ist in die Jahre gekommen, wie schon ihr eigentlicher Titel zeigt. Die „Verordnung zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes“ war noch in der Vorstellung erlassen worden, das Quartier ziehe unreife Menschen in sich hinein und verderbe sie. Man hatte junge Männer vor Augen, wie sie entlang den Schaukästen der Bordelle und Bars schlendern und mit ein paar Schritten abgleiten in ein Leben ohne Halt und Zukunft.

          Die Szene im Blick behalten

          “Die Jugend“ hat längst andere Möglichkeiten, sich mit dem vertraut zu machen, vor dem man meint, sie schützen zu müssen. In dem jetzt vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof entschiedenen Fall konnte der Betreiber des Massagesalons im Frankfurter Stadtteil Bornheim ganz auf Reklame an dem Haus verzichten. Weit weg, an der Hauptwache, klebte ein Plakat. Die meisten Kunden kamen wegen der Seite im Internet.

          Die Sperrgebietsverordnung mag in Diktion und Motiven anachronistisch wirken, überflüssig ist sie aber nicht geworden, wie sich gerade in Frankfurt in den vergangenen Jahren bestätigt hat. Selbst wenn Bordelliers dies in Talkshows immer noch aus durchsichtigen Gründen in Abrede stellen: Das Geschäft ist heute wie damals ein Nährboden für Menschenhandel und für Drogenkriminalität und alles, was sich darum noch rankt.

          Die Szene im Blick halten zu können, bleibt daher legitimes Interesse einer Kommune. Der Gedanke des Libertären, der in dem Urteil mitschwingt, blendet aus, dass Prostitution in vielen Facetten eben nicht zu dem geworden ist, als das sie der Gesetzgeber anerkennen wollte: als ein Beruf von vielen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.Z.

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