Es ist ausgeblieben, das Wunder, das für die Rettung von Neckermann notwendig gewesen wäre. Drei Jahre nach Quelle, einem Schwesterunternehmen zu Zeiten des Arcandor-Konzerns, hat auch der Frankfurter Versandhändler einen Insolvenzantrag gestellt. Warum der bisherige Eigentümer Sun Capital letztlich diesen Weg gewählt und nicht dem Kompromiss von Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretern zugestimmt hat, ist die große Frage.
Aus seinem Umfeld heißt es, der Versandhändler hätte 60Millionen Euro benötigt statt der zugesagten 25 Millionen Euro. Die Gewerkschaft hält dagegen, für das dritte Quartal hätten 25 Millionen genügt und für die Zeit danach hätte es ohnehin eines weiteren Investors bedurft. Ob die Spekulation von Verdi zutrifft, Sun habe den gewünschten weiteren Investor für Neckermann nicht gewinnen können, steht dahin.
Das Geschäft mit einigen Produkten läuft gut
Klar ist: Der Finanzinvestor ist selbst ein Verlierer, weil er nun sein Frankfurter Unternehmen aus der Hand gegeben hat. Die Neckermann.de GmbH, nach Amazon und Otto die Nummer drei unter den Versendern in Deutschland, kann sich zunächst nicht aus eigener Kraft zum reinen Internetversender wandeln. Vor allem aber stehen infolge des Insolvenzantrags noch mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel als jene 1380 Vollzeitstellen, die Neckermann streichen wollte: Schließlich beschäftigt der Versandhändler 4000 Mitarbeiter, knapp 2400 davon im Inland. Nicht zuletzt könnten auch der Vermieter und der IT-Dienstleister zu den Verlierern gehören, dann nämlich, wenn Neckermann zu einem zweiten Fall Quelle werden sollte.
Dazu muss es nicht kommen. Denn das Geschäft von Neckermann mit Heim- und Haustextilien, Möbeln und Unterhaltungselektronik ist zuletzt um zweistellige Prozentsätze gewachsen; das Geschäft mit Vertriebspartnern, die ihre Waren auch über die Neckermann-Internetseite anbieten, läuft dem Vernehmen nach ebenfalls gut. Diese Mischung könnte der „gesunde Kern“ des Unternehmens sein, den es im Insolvenzverfahren zu finden gilt. Dass Versender keine eigenen namhaften Marken brauchen, um im Internet erfolgreich zu sein, zeigt nicht nur Branchenprimus Amazon, sondern auch Redcoon aus Aschaffenburg. Beide bauen nicht auf Wunder.