12.06.2009 · Hessen folgt dem allgemeinen Trend, dass sich Schulen die Kinder aussuchen dürfen. Mehr Selbstständigkeit: Kultusministerin Dorothea Henzler hat genau das gefordert - und sollte nun dafür einstehen.
Von Matthias TrautschSo geht es auch: In Berlin entscheidet künftig das Los, wer auf die begehrten Gymnasien gehen darf und wer nicht. Gibt es an einer Schule zu wenig Plätze, werden 30 Prozent davon verlost. Ob die Familien in der Region, die sich in den vergangenen Wochen vergeblich um einen Platz an der Wunschschule bemüht haben, damit besser bedient wären?
Auf den ersten Blick hat die Lösung einen gewissen Reiz. Vielleicht erübrigten sich bei einem Losentscheid die Mutmaßungen, dass bei der Schulplatzvergabe gemauschelt werde; dass es andere Eltern dank besonderer Beziehungen zur Schulleitung oder durch ihre gesellschaftliche Stellung geschafft hätten, einen Platz an dem Gymnasium oder der Integrierten Gesamtschule zu bekommen, die das eigene Kind abgelehnt hat.
Prekäre Lage
Ein genauer Blick auf die Berliner Verhältnisse zeigt jedoch, dass das vermeintlich gerechte Verfahren eben nur für 30 Prozent der Plätze gilt. Die Schulen können sich die übrigen Kinder selbst aussuchen und damit ihr Profil schärfen. Dies entspricht dem allgemeinen Trend im Bildungswesen, an dessen Spitze sich die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) gesetzt hat. Die Schulen sollen selbständig werden, Schwerpunkte entwickeln und so ihren Teil zu einem vielfältigen pädagogischen Angebot beitragen.
Auf der anderen Seite wird den Eltern eingeschärft, den Bildungsweg ihrer Kinder bewusst zu gestalten und ja keine Fördermöglichkeit zu verpassen. Diesen Anspruch kann das öffentliche Bildungswesen nicht einlösen, jedenfalls nicht immer und nicht für alle.
Dass die Lage derzeit besonders prekär ist, resultiert ironischerweise aus einer Entscheidung, die von den Eltern selbst herbeigeführt wurde: Unter ihrem Druck hat das Kultusministerium die Klassengrößen reduziert. Als damalige bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion hat Henzler diesen Schritt gelobt. Nun könnte und sollte sie zu ihrer Meinung stehen, statt die Verantwortung für die unerwünschten Folgen den Schulämtern und Kommunen zuzuschieben.