Home
http://www.faz.net/-gzg-6z567
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Tödliche Routine

 ·  Auch eine nahezu 200 Jahre alte Technik, die vollkommen ausgereift ist, birgt noch gewaltige Risiken. Das ist die furchtbare Erkenntnis aus dem Unfall in Mühlheim.

Artikel Lesermeinungen (0)

Auch eine nahezu 200 Jahre alte Technik, die vollkommen ausgereift ist, birgt noch gewaltige Risiken. Das ist die furchtbare Erkenntnis aus dem Unfall in Mühlheim, bei dem in der Nacht zum Freitag in einem einzigen Moment drei Menschen ums Leben gekommen sind.

Der Eisenbahnverkehr ist ähnlich wie die Fliegerei bis ins Kleinste durchorganisiert; wer sich auch nur ein wenig mit all den Vorschriften auskennt, mit den ausgefeilten Fahrplänen, mit den Geschwindigkeitsvorgaben, mit der Überwachung der Lokführer, dem muss der tägliche Autoverkehr als das schiere Chaos erscheinen. Zu Unglücken kommt es denn auch bei der Bahn weniger im planmäßigen Verkehr, sondern vor allem dann, wenn davon abgewichen werden muss, wie eben bei nächtlichen Bauarbeiten am Gleis - die es allerdings auch an jedem Tag irgendwo in Deutschland gibt, denn abgefahrene Schienen müssen nun einmal ausgewechselt werden.

Plötzlich ist die Katastrophe geschehen

Warum sich der Zweiwegebagger auf den Weg zu einer Baustelle gemacht hatte, wo doch noch ein letzter Zug vor der Betriebsruhe erwartet wurde, ließ sich gestern nicht klären. Da Menschen Bagger steuern, da Menschen Züge auf bestimmte Gleise lenken, spricht einiges dafür, dass die tödliche Kollision die Folge einer nächtlichen Unaufmerksamkeit in routinierten Abläufen war, bei wem auch immer; es ist jenes Risiko, das bleibt, selbst wenn die Vorschriften, an denen es bei der Eisenbahn auch für Baustellen nicht mangeln dürfte, noch so detailliert sind.

Eisenbahnunglücke finden große Aufmerksamkeit, weil die Opferzahlen oft hoch sind, weil die Fahrgäste der Katastrophe hilfloser ausgeliefert scheinen als am Steuer ihres eigenen Autos, weil angesichts der tonnenschweren Fahrzeuge auch die materielle Zerstörung rasch beachtliche Ausmaße annimmt. Auch an einem solchen Tag muss man aber festhalten, dass der Schienenverkehr weitaus sicherer ist als der auf der Straße, wo Unfälle regelrecht zum Alltag zählen. Für die Angehörigen der Toten, für die Verletzten ist das freilich kein Trost. Eine gewöhnliche Nacht, eine gewöhnliche Baustelle, eine gewöhnliche Zugfahrt. Dann, in einem Augenblick, die Katastrophe. Mitten in unserem Leben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Zwischen Zuckeln und Rasen

Von Mechthild Harting

Der FDP-Verkehrsminister Florian Rentsch will kein Tempo-30-Limit nachts auf Frankfurter Hauptverkehrsstraßen. Das ist nun offensichtlich und nicht per se verwerflich. Seine Begründung hingegen klingt kurios. Mehr 2 3