28.06.2009 · Mit der Neubesetzung an der Spitze des Frankfurter Schauspielhauses verbinden sich viele Erwartungen. Sie sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Das macht die Sache für Oliver Reese nicht einfacher.
Von Michael HierholzerMit der Neubesetzung an der Spitze des Frankfurter Schauspielhauses verbinden sich viele Erwartungen. Sie sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Das macht die Sache für Oliver Reese nicht einfacher. Die einen erhoffen sich ein texttreues, an der großen dramatischen Tradition orientiertes Theater. Die anderen wollen ihr Unterhaltungsbedürfnis mit klaren Geschichten und großen Gefühlen stillen.
Manche sehnen sich nach den Klassikern, einige wünschen sich Stücke junger Autoren, und etliche eint das Verlangen nach Stars auf der Bühne. Da ist die Rückbesinnung auf den Stadttheater-Charakter des Schauspiels sicherlich geeignet, für viele unterschiedliche Interessen etwas zu bieten. Schließlich ist die Situation in Frankfurt eine andere als in Berlin, wo mindestens fünf große Bühnen im Wettbewerb stehen, aber auch Nischen besetzen und jeweils eigene Besuchergruppen ansprechen. In der Stadt am Main dagegen muss das Schauspiel einen gleichsam universellen Anspruch erfüllen.
Elisabeth Schweeger hat es nicht geschafft, Stars aufzubauen
Unter Elisabeth Schweeger hat es durchaus Vielfalt bewiesen. Das wurde nur nicht immer so wahrgenommen: Die Sprechbühne war weitaus reizvoller, als ihr Ruf es vermuten ließ. Der Intendantin gelang es jedoch trotz einer Reihe bemerkenswerter Darsteller nicht, Schauspieler in den Mittelpunkt zu rücken, derentwegen man ins Theater gekommen wäre. Stars aufzubauen hielt die von experimentellen Kunstformen ausgehende Theaterfrau aber auch für eher bedenklich. Reese dagegen sieht in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten. Mit einer Bühne erstklassige Darsteller zu verbinden hat ja auch in Frankfurt Tradition: Man denke an Rosemarie Fendel, Jürgen Holtz oder Wolfram Koch. Hieran anzuknüpfen kann der Bindung zwischen Theater und Publikum nur dienlich sein.
Mit dem Intendantenwechsel wird einem aber auch wieder bewusst, welche Lücke die Schließung des TAT hinterlassen hat. Das wendige, allzeit hart am Zeitgeist segelnde Schiff in unruhigen Gewässern und der große, in der Hauptströmung fahrende Tanker: Diese für Frankfurt einst typische Arbeitsteilung hätte auch heute noch etwas Bezwingendes. Der ästhetische Austausch über die Moderne, wie er im Zusammenspiel von Schauspiel und TAT lange Jahre stattgefunden hat, war charakteristisch für eine Stadt, die dem Zeitgenössischen seit jeher zugewandt war. Dieses Profil droht allmählich zu verschwimmen.