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Kommentar : Sieben Wochen ohne

Weil ein Glas Alkohol die Lust auf Tabak entfacht, lässt so mancher in der Fastenzeit gleich von beidem die Finger Bild: picture alliance / dpa

„Sieben Wochen ohne Vorsicht“, lautet das evangelische Fastenmotto 2013. Sieben Wochen ohne Vorsicht heißt sieben Wochen mit mehr Mut und Zuversicht. Verzicht auf Feigheit ist nicht nur etwas für Fromme.

          Die evangelische Kirche geht voll auf Risiko. „Sieben Wochen ohne Vorsicht“, heißt ihre Fastenaktion. Das ist kein Aufruf zu Leichtsinn und Waghalsigkeit. Sieben Wochen ohne Vorsicht heißt sieben Wochen mit mehr Mut und Zuversicht. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass Protestanten jetzt nicht reihenweise rote Ampeln missachten und sich bei der Polizeikontrolle auf Josua 1, Vers 9 berufen: „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist.“

          Verzicht auf Feigheit ist nicht nur etwas für Fromme. Längst fasten nicht mehr nur glaubensfeste Christen in der Passionszeit. „Sieben Wochen ohne ...“ ist inzwischen eine Gesellschaftsbewegung geworden. Ohne Fernsehen, Computerspiele oder Kartoffelchips - die Auswahl unter den kleinen Lastern ist groß.

          Schulterklopfer nach sieben Wochen

          Die Neigung zur temporären Askese ist weit verbreitet, sie ist ein Teil der Wellnesskultur, sozusagen Fitness für den Geist, eine Bewährungsprobe für die Willensstärke. Auf wen man auch trifft, auf irgendetwas verzichtet (fast) jeder. Ein Kollege will sieben Wochen keine Zigaretten anrühren. Weil er nach einem Glas Bier oder Wein in netter Runde schneller zur Schachtel greift, ist der Alkohol auch gleich tabu. Und damit er in der entbehrungsreichen Zeit nicht zulegt, lässt er auch von Süß- und Knabberkram die Finger. Das klingt nach sieben schweren Wochen.

          Wer dann am Ostersonntag erfolgreich sein Gewissen prüfen kann und sieben Wochen lang konsequent auf Nikotin und anderes verzichtet hat, kann sich stolz auf die Schulter klopfen: Geht doch, es ist zu schaffen. Und der Genuss, nach sieben Wochen ohne Süßigkeiten in ein Schokoladenei zu beißen, ist himmlisch.

          Zudem tut man seiner Gesundheit einen Gefallen. Die Leber entlasten, die Lunge einmal durchlüften, Fettpolster schmälern - das schafft einfach ein gutes Gefühl. Aus welchem Antrieb auch immer, der Verzicht kann nicht schaden. Und zum Trost für die kleinen Krisen, statt Schokoriegel sozusagen: Nach „sieben Wochen ohne“ kommen 45 Wochen mit.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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          Quelle: F.A.Z.

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