06.08.2007 · Kleine, gut organisierte Gruppen können ihre Anliegen oft besser erzwingen als große, latente. Falls die Lokführer sich durchsetzen, könnte das ein Signal für andere Berufsgruppen sein, sich neu zu organisieren, meint Christian Siedenbiedel.
Von Christian SiedenbiedelDie ökonomische Theorie der Tarifverhandlungen kennt dieses Phänomen. Kleine, gut organisierte Gruppen, deren Mitglieder ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten verbindet und die unmittelbare Vorteile aus dem gemeinsamen Handeln ziehen, können ihre Anliegen oft besser durchsetzen als große, sogenannte latente Gruppen, bei denen der Zusammenhalt wackeliger ist und ein Ausscheren des Einzelnen weniger auffällt.
In seiner „Logik des kollektiven Handelns“ hat der amerikanische Ökonom Mancur Olson (1932–1998) dieses Phänomen beschrieben – es passt auf den anstehenden Lokführerstreik. Die großen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA mit ihren mehr als 250.000 Mitgliedern haben eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent durchsetzen können. Die kleine „Pressuregroup“ der Lokführer mit ihren 12.000 Mitgliedern strebt nun mehr als 31 Prozent an.
Die Lokfahrer sind motiviert
Was kann man aus den Erkenntnissen Olsons für den anstehenden Streik lernen? Zum einen, dass die Lokführer so schnell nicht nachgeben werden. Der Anreiz für jeden Einzelnen, sich zu beteiligen, ist sehr hoch. Die Forderung nach einer Lohnerhöhung von mehr als 31 Prozent – zunächst eine Interpretation der Gewerkschaftsforderungen durch die Bahn, dann aber von der Gewerkschaft aufgegriffen – motiviert die Lokführer. Ihre Erpressungsmacht ist groß: Wenn der Zugverkehr in Deutschland zum Erliegen gebracht wird, wird das für die Bahn richtig teuer. So sollen schon die Warnstreiks im Juli allein für den Nahverkehr in Hessen mehrere Millionen Euro Schaden gebracht haben.
Wenn die Lokführer sich mit ihren Forderungen durchsetzen, könnte das außerdem ein Signal für andere Berufsgruppen sein, sich gleichfalls im Sinne Olsons als „kleine Gruppe“ zu organisieren. Bei Bahnmitarbeitern ist etwa die Rede davon, die Fahrdienstleiter könnten doch auch eine eigene Gewerkschaft gründen. Ihre Durchsetzungskraft bei Streiks in den Stellwerken wäre ähnlich hoch. Als bereits so organisiert gelten Piloten, Fluglotsen und Ärzte, auch wenn ihre Vertretungen aus anderen Traditionen kommen.
Juristisch ergeben sich aus dieser „Olson“-Variante der Tarifverhandlungen neue Fragestellungen. So muss geklärt werden, wie weit die Befugnisse einer Gewerkschaft zum Streiken in einem Unternehmen reichen, das schon mit anderen Gewerkschaften Tarifverträge abgeschlossen hat – und umgekehrt, wie weit das Unternehmen in einem solchen Fall ein Recht auf Aussperrungen hat. Die Arbeitsgerichte landauf, landab haben unterschiedlich entschieden. Bis es zu einer höchstrichterlichen Entscheidung kommt, ist der Streik vermutlich lange vorbei.
Schlagkraft kleiner erpresserischer Gruppen
Wolfgang Höfft (Wolfgang.Hoefft)
- 07.08.2007, 01:02 Uhr
zum Thema Erpressung
Detlef Schmitz (neodoc)
- 07.08.2007, 16:27 Uhr
Streiks und Gewerkschaften werden in Art. 9 GG nicht erwähnt.
Wolfgang Höfft (Wolfgang.Hoefft)
- 08.08.2007, 02:19 Uhr
Oh doch: Es gibt ein Recht auf Streik!
Julian Jakobs (fiilix)
- 10.08.2007, 00:34 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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