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Kommentar Rolle rückwärts

13.11.2009 ·  Im Nachhinein wirkt das Hickhack um den Neubau der Konzernzentrale nebst Logistikdrehscheibe und Markenwelt von Radeberger beinahe lächerlich. Dennoch hat der Chef der Radeberger-Gruppe gute Argumente auf seiner Seite, weshalb die Frankfurter Oetker-Tochter gerade jetzt auf die Großinvestition verzichtet und Vorsicht walten lässt.

Von Thorsten Winter
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Ja, im Nachhinein wirkt das Hickhack um den Neubau der Konzernzentrale nebst Logistikdrehscheibe und Markenwelt von Radeberger beinahe lächerlich. Ja, die Brauereien leiden nicht erst seit ein paar Wochen unter dem rückläufigen Bierdurst hierzulande. Und ja, Volkswirte warnen schon seit geraumer Zeit vor nachteiligen Folgen der Wirtschaftskrise für den Konsum. Dennoch hat der Chef der Radeberger-Gruppe gute Argumente auf seiner Seite, weshalb die Frankfurter Oetker-Tochter gerade jetzt auf die Großinvestition verzichtet und Vorsicht walten lässt.

So müssen die Brauer die sich verschärfende Talfahrt beim Bierabsatz zur Kenntnis nehmen. Im dritten Quartal verkauften sie trotz des vergleichsweise schönen Wetters im Juli und August in der Gastronomie weniger Bier als im Vorjahr. Dass der Absatz im Handel im Gegenzug nicht angezogen hat, muss zu denken geben: Die Allerweltsweisheit, gegessen und getrunken werde immer, stimmt zwar grundsätzlich – die Frage ist nur, wie viel Geld die Menschen dafür ausgeben und wo es landet. In den Kassen der Brauereien jedenfalls immer seltener.

Schadenfreude in Frankfurt wäre kurzsichtig

Zudem leidet diese Branche mehr als in den Vorjahren unter ihrer Rolle des Kneipen-Finanziers: Kreditabschreibungen häufen sich, weil Gastronomen ihre Kredite nicht wie geplant zurückzahlen. Das trifft auch Radeberger. Und wie sehr der Bierabsatz und der Umsatz noch leiden werden, wenn Menschen infolge von Kurzarbeit oder Stellenverlust den Konsum einschränken, ist nicht vorherzusagen. Die Kasse des Konzerns zu schonen, ist deshalb umsichtig. In Frankfurt zu kleckern statt in Bad Vilbel zu klotzen, ebenso. Für Radeberger spricht auch die Ankündigung, der leer ausgehenden Kommune im Gegenzug Kosten zu erstatten.

Frankfurt kann sich derweil über den unerwarteten Verbleib eines Traditionskonzerns und Gewerbesteuerzahlers freuen. Schadenfreude nach dem Hickhack wäre kurzsichtig. Gedanken über die Frage, wie das Binding-Gelände künftig zu nutzen sein könnte, sind aber nun hinfällig. Muss sich Radeberger doch dort für die Zukunft rüsten. „Wir werden lauter, sollen aber leiser werden“ – so hatte im Kern die Begründung des geplanten Rückzugs gelautet. Nach der Rolle rückwärts muss Radeberger den Betrieb im Blick auf die Bebauung des Henninger-Areals so fahren, dass er nicht lauter wird. Auf die Brauer wartet die nächste Nagelprobe.

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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