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Kommentar : Rheintal am Gängelband

Dem Rheintal muss erspart bleiben, was Dresden mit seiner Waldschlösschenbrücke schmerzlich erfahren hat. Wo lag am Ende der Gewinn, der sächsischen Landeshauptstadt das Welterbeprädikat zu entziehen?

          Das Mittelrheintal ist eine bemerkenswerte Kulturlandschaft, kein Freilichtmuseum. Im Gegensatz zu Nationalparks, in deren Kernzonen der Einfluss der Menschen minimiert werden soll, dürfen und müssen sich Kulturlandschaften weiter entwickeln. Das ist das Anliegen der Unesco bei der Vergabe seine Welterbe-Prädikats, und das war auch das Anliegen von Bund und Land, als die Bundesgartenschau nach Koblenz vergeben und dieses Entwicklungsprojekt mit einer spektakulären Seilbahn über den Strom gekrönt wurde.

          Der jetzt ausgebrochene Konflikt war damals schon absehbar. Die Unesco akzeptierte seinerzeit eine zeitlich befristete Touristenattraktion, obwohl zu erwarten war, dass Bürger und Gäste sie nach vier Jahren nicht mehr würden preisgeben wollen. Tatsächlich gilt die Seilbahn inzwischen als zweites Wahrzeichen an der nördlichen Pforte ins Mittelrheintal.

          Verweigerungshaltung wäre Rückschlag

          Die unnachgiebige Haltung des Internationalen Denkmalrates Icomos ist bedauerlich, und der Erfolg seiner Verweigerungshaltung wäre ein Rückschlag für das Tal. Die Seilbahn trägt erheblich dazu bei, dass Kulturgüter wie die mit erheblichen Steuermitteln sanierte Festung Ehrenbreitstein endlich jene Aufmerksamkeit erfahren, die sie verdienen. Insofern leistet die Seilbahn auch einen Beitrag, das Welterbegebiet erlebbar zu gestalten und die Schätze der Region bekannt zu machen.

          Richtig und notwendig ist, dass der Internationale Rat für Denkmalpflege die Entwicklungen in Welterberegionen sorgsam beobachtet und sicherstellt, dass das kulturelle Erbe nicht unwiederbringlich zerstört wird. Dafür kann und soll der Rat Leitplanken aufstellen, innerhalb deren sich die Entwicklung zu vollziehen hat. Der Rat verliert aber schnell Akzeptanz, wenn er über jedem Infrastrukturprojekt den Daumen hebt oder senkt und sich in der Region die Ansicht verfestigt, die Freiheit, die eigene Entwicklung zu gestalten, ende am Gängelband unbeteiligter Bürokraten. Über „weltfremden Dogmatismus“ ereifert sich der SPD-Europaabgeordnete Neusel und spricht jenen Bürgern aus dem Herzen, die sich für die Seilbahn einsetzen.

          Dem Rheintal aber muss erspart bleiben, was Dresden mit seiner Waldschlösschenbrücke schmerzlich erfahren hat. Wo lag am Ende der Gewinn, der sächsischen Landeshauptstadt das Welterbeprädikat zu entziehen? Die Unesco täte gut daran, die Entscheidung zu verschieben und Zeit für Gespräche zu gewinnen. Es muss ein Weg gefunden werden, spektakuläre Infrastrukturprojekte wie die Seilbahn - oder eine Rheinbrücke - zu ermöglichen. Das Rheintal ist kein Freilichtmuseum.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

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          Quelle: F.A.Z.

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