http://www.faz.net/-gzg-7a27o

Kommentar : Rheintal am Gängelband

Dem Rheintal muss erspart bleiben, was Dresden mit seiner Waldschlösschenbrücke schmerzlich erfahren hat. Wo lag am Ende der Gewinn, der sächsischen Landeshauptstadt das Welterbeprädikat zu entziehen?

          Das Mittelrheintal ist eine bemerkenswerte Kulturlandschaft, kein Freilichtmuseum. Im Gegensatz zu Nationalparks, in deren Kernzonen der Einfluss der Menschen minimiert werden soll, dürfen und müssen sich Kulturlandschaften weiter entwickeln. Das ist das Anliegen der Unesco bei der Vergabe seine Welterbe-Prädikats, und das war auch das Anliegen von Bund und Land, als die Bundesgartenschau nach Koblenz vergeben und dieses Entwicklungsprojekt mit einer spektakulären Seilbahn über den Strom gekrönt wurde.

          Der jetzt ausgebrochene Konflikt war damals schon absehbar. Die Unesco akzeptierte seinerzeit eine zeitlich befristete Touristenattraktion, obwohl zu erwarten war, dass Bürger und Gäste sie nach vier Jahren nicht mehr würden preisgeben wollen. Tatsächlich gilt die Seilbahn inzwischen als zweites Wahrzeichen an der nördlichen Pforte ins Mittelrheintal.

          Verweigerungshaltung wäre Rückschlag

          Die unnachgiebige Haltung des Internationalen Denkmalrates Icomos ist bedauerlich, und der Erfolg seiner Verweigerungshaltung wäre ein Rückschlag für das Tal. Die Seilbahn trägt erheblich dazu bei, dass Kulturgüter wie die mit erheblichen Steuermitteln sanierte Festung Ehrenbreitstein endlich jene Aufmerksamkeit erfahren, die sie verdienen. Insofern leistet die Seilbahn auch einen Beitrag, das Welterbegebiet erlebbar zu gestalten und die Schätze der Region bekannt zu machen.

          Richtig und notwendig ist, dass der Internationale Rat für Denkmalpflege die Entwicklungen in Welterberegionen sorgsam beobachtet und sicherstellt, dass das kulturelle Erbe nicht unwiederbringlich zerstört wird. Dafür kann und soll der Rat Leitplanken aufstellen, innerhalb deren sich die Entwicklung zu vollziehen hat. Der Rat verliert aber schnell Akzeptanz, wenn er über jedem Infrastrukturprojekt den Daumen hebt oder senkt und sich in der Region die Ansicht verfestigt, die Freiheit, die eigene Entwicklung zu gestalten, ende am Gängelband unbeteiligter Bürokraten. Über „weltfremden Dogmatismus“ ereifert sich der SPD-Europaabgeordnete Neusel und spricht jenen Bürgern aus dem Herzen, die sich für die Seilbahn einsetzen.

          Dem Rheintal aber muss erspart bleiben, was Dresden mit seiner Waldschlösschenbrücke schmerzlich erfahren hat. Wo lag am Ende der Gewinn, der sächsischen Landeshauptstadt das Welterbeprädikat zu entziehen? Die Unesco täte gut daran, die Entscheidung zu verschieben und Zeit für Gespräche zu gewinnen. Es muss ein Weg gefunden werden, spektakuläre Infrastrukturprojekte wie die Seilbahn - oder eine Rheinbrücke - zu ermöglichen. Das Rheintal ist kein Freilichtmuseum.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Im Mittelpunkt des Interesses: Der Parteikongress in Peking lähmt sogar den Straßenverkehr.

          Zurück in die Zukunft : China will wieder mehr Staat

          Auf dem Parteikongress ordnet Xi Jinping seine Prioritäten neu. Mehr Planwirtschaft und Kontrolle sollen China zu neuer Größe führen. Welche Folgen könnte das haben?
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.