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Kommentar Politik als Drama

29.11.2009 ·  Jene Herzenskälte, die Politikern immer unterstellt wird, muss nicht automatisch zum Berufsbild gehören. Wenn der Rücktritt von Jung dem Ministerpräsidenten Koch „auch persönlich sehr nahe geht“, dann darf man Koch, der mit Gefühlsäußerungen sparsam umgeht, in diesem Fall vollkommen glauben.

Von Peter Lückemeier
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In Max Webers viel zitiertem, aber selten gelesenen Aufsatz „Politik als Beruf“ (1919) findet sich ziemlich am Ende der bemerkenswerte Satz: „Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele.“ Es sei dahingestellt, ob diese Erkenntnis auch zwanzig Jahre nach Erfindung des Privatfernsehens noch stimmt, jedenfalls bietet die Politik auch heute den Stoff, aus dem die Dramen sind. Die Hessen haben in jüngster Zeit zur Dramatisierung der deutschen Politik eine Menge beigetragen.

Jene Herzenskälte nämlich, die Politikern immer unterstellt wird, muss nicht automatisch zum Berufsbild gehören. Wenn der Rücktritt des Verteidigungsministers Jung dem Ministerpräsidenten Koch „auch persönlich sehr nahe geht“, dann darf man Koch, der mit Gefühlsäußerungen sparsam umgeht, in diesem Fall vollkommen glauben. Und wenn Jörg-Uwe Hahn (FDP) dem CDU-Politiker wünscht, dass Jung diesen zweiten Rücktritt seines politischen Lebens gut verkraften möge, dann schwingt da sicherlich auch die Erinnerung an den ersten mit. Den erzwang damals in Hessen die FDP.

Was für eine Frage!

Damals konnte Jung, der in den Turbulenzen der Spendenaffäre seinen Hut nahm, auf die Solidarität Kochs und der hessischen CDU setzen. Er wurde belohnt mit einem Amt als Bundesminister. Auch diesmal wird Franz Josef Jung wieder darauf hoffen können, nach einer Phase der inneren Rekonvaleszenz eine Rolle in der hessischen CDU zu spielen oder sonstwie in den politischen Nebengefilden aufgenommen zu werden.

Während der eine aus Hessen, wenn auch weiß Gott nicht grundlos oder durch schicksalhafte Fügung, leiden muss, darf sich die andere freuen: Da neigt sich in der politischen Dramaturgie die Kanzlerin wie eine Bona dea ex machina hinab und stellt einer Zweiunddreißigjährigen die Frage, ob sie vielleicht Bundesministerin werden wolle. Was für eine Frage! Was muss einer jungen Frau dabei nicht alles an Hauptgedanken und Nebengefühlen durch Herz und Hirn wehen. Kristina Köhler hat „Ja“ gesagt. Nachdem sie vereidigt ist, wird der Alltag sie schnell genug einholen. Wir Betrachter staunen währenddessen noch ein bisschen über die Macht des Schicksals auf der politischen Bühne und fragen uns noch immer, ob Max Weber recht hatte. Ob Politik wirklich mit dem Kopfe gemacht wird.

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Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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