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Kommentar Plötzlich Kapitän

08.11.2008 ·  Thorsten Schäfer-Gümbel muss nicht nur gegen Roland Koch antreten, sondern auch das Gespenst des Wortbruchs verscheuchen. Er muss auf Distanz zu seiner Mentorin gehen, die ihn aber als Partei- und Fraktionsvorsitzende weiterhin coachen will.

Von Helmut Schwan
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Dieser Vorliebe wird er abschwören müssen. Thorsten Schäfer-Gümbel, der neue, wie aus dem Hut gezauberte Spitzenkandidat der hessischen SPD, ist nach Insiderinformationen glühender Anhänger des FC Bayern München. Im Allgäu geboren, durfte er das bisher. Will er tatsächlich hessischer Ministerpräsident werden, dann muss er künftig den Schal von Eintracht Frankfurt tragen. Allenfalls noch den vom SV Wehen Wiesbaden. So viel Loyalität fordert das Amt.

Ob der Fußball-Fan in die Verlegenheit kommen wird, erscheint jedoch höchst fraglich. Er ist nur deshalb aus der Rolle des Perspektivspielers in die des Mannschaftskapitäns geschlüpft, weil Andrea Ypsilanti das so wollte. Ihr enger Vertrauter war offenbar der Einzige, der nach dem Desaster in den rot-grün-rot gestreiften Trikots für sie eingewechselt werden mochte. Als Galionsfigur der hessischen SPD bei der Neuwahl am 18. Januar anzutreten, ist fast so, als habe man die Ehre, nach einem 0:4 die Mannschaft ins Rückspiel führen zu dürfen.

Übersinnliche Kräfte wird der Neue brauchen

Thorsten Schäfer-Gümbel sah das gestern naturgemäß anders, ganz nach dem strapazierten Motto, jeder Krise wohne die Chance auf einen Neubeginn inne und jedem Anfang ein Zauber. Übersinnliche Kräfte wird der Neununddreißigjährige fürwahr brauchen können. Schließlich muss er in zweieinhalb Monaten nicht nur gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Roland Koch antreten, der in der Defensive abwarten kann, sondern auch das Gespenst des Wortbruchs verscheuchen. Er muss auf Distanz zu seiner Mentorin gehen, die ihn aber als Partei- und Fraktionsvorsitzende weiterhin coachen will.

Das mag auch von dem Gedanken getragen sein, zu ihrer Verantwortung stehen zu wollen. Ein Neubeginn ist es nicht. Das wäre wohl auch etwas zu viel verlangt gewesen.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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