07.03.2010 · Wer zynisch ist, könnte nun sagen: Die katholische Kirche darf sich über den entlastenden Effekt freuen. Nicht nur in Internatsschulen kam es zu Missbrauchsfällen, auch an reformpädagogischen Lehranstalten wie der namhaften Odenwaldschule.
Von Peter LückemeierWer zynisch ist, könnte nun sagen: Die katholische Kirche darf sich über den entlastenden Effekt freuen. Nicht nur in Internatsschulen mit frommem Auftrag kam es zu Missbrauchsfällen, auch an bürgerlichen, liberal geprägten, sogar reformpädagogischen Lehranstalten wie der namhaften Odenwaldschule war dies der Fall. Aber für Zynismus ist die Sache zu ernst. Ganz offenkundig ist es so, dass Männer, die sich ihrer Sexualität nicht sicher sind, im zölibatären Priesterberuf Sicherheit suchen und solche, die pädophile Neigungen hegen, pädagogische Berufe anstreben – wobei allein diese Feststellung die weitaus größere Zahl nicht betroffener Geistlicher wie Pädagogen diskriminiert. Der dazu passende Gedanke stammt aus dem Blog im Internet über die Odenwaldschule, in dem ein Ex-Schüler schreibt: „Ich finde es sehr traurig das ich jetzt viele gute Lehrer mit anderen Augen sehe – immer mit dem Gedanken, der vielleicht auch. . .“
Wie komplex die Bewertungen sind und zu sein haben, zeigen die Reaktionen generell. An der Klosterschule Ettal, wo es wohl zu den brutalsten bisher bekannten Übergriffen auf Schutzbefohlene kam, wurde gestern in einem Gottesdienst der Opfer und der Schulgemeinde insgesamt gedacht. Dort gab es Beifall, als es darum ging, den missbrauchten Kindern und Jugendlichen beizustehen. Aber genauso regte sich Applaus, als der Prediger zum Ausdruck brachte, er wie andere hätten dieser Schule prägende gute Erfahrungen zu verdanken.
Gegenüber Tätern und Opfern brutalstmöglich und brutalstsensibel
Ähnlich janusköpfig geht es auch in den Stellungnahmen zu, mit denen sich heutige und ehemalige Odenwaldschüler im Internet zu Wort melden. Beispielsweise schreibt jemand, der in den achtziger Jahren in die Odenwaldschule ging, er habe „diese Zeit geliebt und werde nun zukünftig ein Stigma in meinem privaten wie beruflichen Lebenslauf haben, da sich diese Propaganda-Welle verselbständigt hat“. Andere berichten im Internet aber auch über Vorfälle, die sie selbst erlebten. Aus Erwachsenensicht würde man sie als eher harmlos einstufen, wüsste man nicht, dass für Kinder unziemliche Annäherungen absolut verstörend und furchteinflößend sein können. Dass die Fälle, von denen heute die Rede ist, erst heute bekannt werden, zeigt die Scham und nachhaltige Verunsicherung der Opfer.
Die Leiterin der Odenwaldschule ist erst seit 2007 im Amt. Sie kann nur darin bestärkt werden, den Weg der Aufklärung und Aufarbeitung weiter konsequent zu verfolgen. Gegenüber Tätern und Opfern brutalstmöglich und brutalstsensibel.
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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