07.09.2010 · Die Strategie von RWE scheint aufgegangen. Der Essener Energiekonzern hatte die Laufzeit des Kernkraftwerks Biblis A weiter und weiter gedehnt.
Von Manfred KöhlerDie Strategie von RWE scheint aufgegangen. Der Essener Energiekonzern hatte die Laufzeit des Kernkraftwerks Biblis A durch überlange Reparaturarbeiten, die Reduzierung der Stromproduktion auf die Hälfte und schließlich die Übertragung von Reststrommengen aus Stade weiter und weiter gedehnt; zuletzt reichte sie bis Herbst 2011. So konnte das älteste Atomkraftwerk Deutschlands über die Bundestagswahl 2009 hinaus und bis zu jenem Tag gerettet werden, an dem sich eine bürgerliche Koalition auf eine generelle Verlängerung der Laufzeiten der riskanten Anlagen verständigen würde.
Mit der Einigung vom Wochenende ist nun der Tag nähergerückt, an dem RWE die Früchte seiner Anstrengungen ernten kann. Erlangt der Kompromiss Gesetzeskraft – sicher ist das noch keineswegs –, so werden Biblis A und B allemal bis zum Ende des Jahrzehnts Strom produzieren. Selbst wenn eine andersfarbige Koalition nach einer Bundestagswahl 2013 dann wieder auf eine schnellere Abschaltung dringen sollte, hat der Konzern Zeit gewonnen.
Was sind schon acht Jahre?
Durch die Verlängerung der Laufzeiten sollen die Strompreise wenigstens etwas im Zaum gehalten werden, die sonst die Politik durch die Förderung des Ökostroms in die Höhe treibt. Die Skeptiker wiederum, die sich auch in den Reihen der regionalen Energieversorger finden, argumentieren, der ökologische Wandel werde durch die weitere Nutzung der Atomkraft behindert.
Das gilt zwar weniger für den Ausbau der Wind- und Solarenergie, weil die bei der Einspeisung ins Stromnetz Vorrang genießen, also nicht durch Atomstrom verdrängt werden. Wohl aber könnte eine Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken Investitionen in Kraft-Wärme-Kopplung und überhaupt in herkömmliche Kraftwerke verzögern, also in die vergleichsweise umweltfreundlichen Gaskraftwerke, die dank neuer Gasfunde gerade eine Blütezeit erleben, und auch in moderne Kohlekraftwerke, die je erzeugter Kilowattstunde weniger Kohlendioxid emittieren als alte Blöcke.
So wird sich zeigen, ob Eon jetzt noch am Bau der neuen Anlagen in seinem Kraftwerk Staudinger festhält. Das RWE hat schon vor längerer Zeit wissen lassen, keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen zu wollen. Andererseits: Was sind schon acht Jahre? Trotz der Einigung der Koalition in Berlin bleibt es Aufgaben der Politik, die Energieversorgung Deutschlands ohne Atomstrom zu sichern.