21.03.2010 · Der Lokalpatriotismus verbietet es einem ja, die Leipziger Buchmesse schöner und erfrischender zu finden als die Frankfurter. Aber wahr bleibt doch, dass es eine Lust ist, durch den lichten Glaspalast in Sachsen zu wandeln.
Von Peter LückemeierDer Lokalpatriotismus verbietet es einem ja, die Leipziger Buchmesse schöner und erfrischender zu finden als die Frankfurter. Aber wahr bleibt doch, dass es eine Lust ist, durch den lichten Glaspalast in Sachsen zu wandeln, umgeben von vielen normalen Menschen, die Lust auf Bücher haben, von jungen Müttern mit Kinderwagen, die sich einen schönen Tag unter Büchern und Menschen machen, und ernsthaften jungen Leuten, die überlangen Diskussionen zu entlegenen Themen zuhören.
Nicht nur der Aussteller ist zufrieden, dass er in kürzester Zeit einen Elektriker am Stand hat (in Frankfurt könne man auf den viele Stunden warten, und dann sei er auch noch pampig) – auch der Besucher vom Fach darf sich freuen an der unverkrampften, unsnobistischen Weise, mit der die Menschen Lust auf Bücher empfinden.
Man kann von den Ossis lernen
Gewiss, die Frankfurter Buchmesse ist größer und wichtiger, in Frankfurt sind die Stände prächtiger und die Auftritte der VIPs des Geschäfts gravitätischer, daran wird Leipzig nicht so schnell oder nie rühren. Aber die Frankfurter, die doch auch eine Tourismus-GmbH und ein hochbedeutendes Presseamt haben, die den Börsenverein des Deutschen Buchhandels in ihren Stadtmauern wissen, die haben in all den Jahren ihrer Marktführerschaft nur ein armseliges Rahmenprogramm zustande bekommen, ein wenig Literatur im Römer, neuerdings ein bisschen im Kunstverein.
In der Sachsen-Metropole aber feiert man ein wahres Lesefest. „Leipzig liest“ heißt das Dachprogramm für rund 2000 Veranstaltungen an 300 Orten überall in der Stadt. Das Heft, das diese Lesungen, Diskussionen und sonstigen Auftritte aufführt, ist dick wie das Volkshochschulprogramm einer veritablen Großstadt, geduldig wartende Fans hören in einer alten Weberei in drangvoller Enge ihrem Lokalmatadoren Clemens Meyer zu, für Herta Müller und Martin Walser muss an offizielleren Orten die Lesung per Video nach draußen übertragen werden, aber auch die Lesung mit den unbekannten Autoren aus sehr fernen Ländern findet ihre Handvoll aufmerksamer Zuhörer.
Leipzig liest, Frankfurt schläft – vielleicht fahren ja doch einmal ein paar derer, die es angehen sollte, von Frankfurt aus nach Leipzig. Auch Besserwissis sollten längst wissen: Man kann von den Ossis lernen.
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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