20.02.2008 · Der Städelanbau wird also unterirdisch errichtet. Eine Kuppel soll von der Energie zeugen, die unter der Gartenerde pulsiert. Besonders an lauen Sommerabenden könnte der oberirdische Teil des Gartens zum Kultort werden.
Von Matthias AlexanderDer Städelanbau wird also unterirdisch errichtet. Nur ein Hügel mit vielen runden Fenstern darin wird von dem Ausstellungsbau künden, der sich unter dem Garten an der Dürerstraße verbirgt. Diese Geste ließe sich architekturpolitisch als Akt von Camouflage deuten: Demnach sind Bauherr und Architekt der Debatte über einen markanten oberirdischen Neubau, die angesichts der auch in Frankfurt weitverbreiteten Vorbehalte gegenüber zeitgenössischer Architektur unvermeidlich gewesen wäre, gleichsam durch eine übertiefe Verbeugung ausgewichen. Der Grasbuckel im Städelgarten zeugt symbolisch von einer solchen Demutsgeste.
Eine solche Interpretation liegt nahe, und doch wird sie dem Entwurf von Schneider + Schumacher nicht gerecht. Das Büro hat bei anderen Gelegenheiten bewiesen, dass ihm Opportunismus gegenüber einer vermuteten Mehrheitsmeinung fremd ist. Vor allem aber ist der Garten des Städels auch vielen Anhängern einer dezidiert modernen Architektur heilig. Der Bedeutung der Grünfläche waren sich die früheren Städelschüler Michael Schumacher und Till Schneider ganz besonders bewusst. Schumacher will den Hügel denn auch nicht als Buckel verstanden wissen, sondern als eine Art Blase, die vom Pulsieren der Kunst im Untergrund kündet.
Innerösterreichische Diplomatiemission
Gewonnen haben die Frankfurter Architekten vor allem wegen der überragenden Raumkonzeption. Besser als alle anderen eingeladenen Architekten haben sie es verstanden, den verschachtelten Gebäudekomplex neu zu erschließen. In einer Zeit, in der Architektur vor allem an Fassaden gemessen wird, wird auf solche inneren Qualitäten oft zu wenig geachtet. Bleibt zu hoffen, dass Gustav Peichl sich der geplanten Umnutzung seines Flügels nicht verschließt. Kein Zweifel, Städeldirektor Max Hollein ist für diese innerösterreichische Diplomatiemission bestens geeignet.
Auch beim Vorsitzenden der Hertie-Stiftung, die einen namhaften Betrag zu dem Anbau beisteuert, muss Hollein dem Vernehmen nach noch Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich ist ein Gebäude, das nach außen hin mehr Landschaft als Architektur ist, auf den ersten Blick wenig befriedigend für das – durchaus legitime – Bedürfnis des Spenders nach Selbstdarstellung. Michael Endres wird sich vielleicht überzeugen lassen, wenn ihm Hollein ausmalt, welcher Kultort der Garten mit den vielen Kunstaugen an lauen Sommerabenden werden könnte.
Matthias Alexander Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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