Es gibt in Frankfurt nur ein Haus mit der Adresse Kettenhofweg 130. Wer sich aber anhört, was die Besetzer des früheren Anglistik-Instituts über ihr Quartier sagen, und dies mit den Einschätzungen von Universitätsleitung und Anwohnern vergleicht, muss glauben, dass von zwei verschiedenen Orten die Rede ist. Für die Studenten und ihre Unterstützer, die das Gebäude vor neun Jahren okkupiert haben, ist ihr selbstgegründetes „Institut für vergleichende Irrelevanz“ eine der letzten Bastionen kritischer Wissenschaft in Frankfurt. Viele Nachbarn dagegen glauben, dass es den jungen Leuten vor allem darum gehe, die stimulierende Wirkung von Alkohol und Musik zu erforschen - was besonders an den Wochenenden zu massiven Ruhestörungen führe.
Jetzt, da die Universität die Liegenschaft an den Wohnungsbau-Investor Franconofurt verkauft hat, wird eine der beiden Sichtweisen die Oberhand gewinnen, und wenig spricht dafür, dass es die der „Irrelevanten“ sein wird. Schwer vorstellbar, dass der neue Besitzer in der Immobilie auf Dauer ein linkes Kulturzentrum nach Art des ehemaligen Klapperfeld-Gefängnisses in der Frankfurter Innenstadt wünscht. Von daher mutet die Ankündigung, der neue Eigentümer werde den Besetzern Mietverträge anbieten, wie eine diplomatische Pflichtübung an. Zumal ein Teil der Aktivisten offenbar gar kein Interesse daran hat, ihren Aufenthalt am Kettenhofweg zu legalisieren.
Es kann nicht ernsthaft in Frage gestellt werden, dass die Universität das Recht hatte, sich von dem Gebäude zu trennen. Zudem dient das Geschäft einem guten Zweck, wenn der Erlös für den Bau eines Seminargebäudes auf dem Westend-Campus verwendet wird. Und es ist schon sehr gewagt, wenn die Besetzer daraus, dass bisher nichts gegen sie unternommen wurde, eine Art Gewohnheits-Bleiberecht ableiten.
Zu dieser Deutung hat allerdings das Hochschulpräsidium durch sein jahrelanges Stillhalten geradezu eingeladen. Auch scheint es unter der Belegschaft des Irrelevanz-Instituts Personen zu geben, die wirklich ohne professorale Aufsicht Marx und Sartre lesen und mit Gleichgesinnten darüber diskutieren wollen. Für solche Zirkel muss es in einer Universitätsstadt Räume geben. Auf jeden Fall sollten sie sich im neu zu bauenden Studierendenhaus auf dem Westend-Campus finden lassen. Dort gibt es auch weniger Nachbarn, die sich durch bierselige Lektüre-Nachbesprechungen behelligt fühlen könnten.
Hegemoniale Perspektiven
Eric v. Dömming (ericvondoemming)
- 07.03.2012, 00:12 Uhr