Frankfurt feiert Schopenhauer. Verhalten. Wie es ihre Art ist. Ein grundlegendes Missbehagen scheint sie regelmäßig zu befallen, wenn es um ihre Geistesgrößen geht. Als nähme sie ihnen irgendetwas übel. Jeder Schwabe kennt die Verse „Der Schelling und der Hegel, der Schiller und der Hauff, das ist bei uns die Regel, das fällt hier gar nicht auf“. Ein vergleichbarer Reim ist, bezogen auf Frankfurt, nicht bekannt.
Der große Jubel, der uneingeschränkte Stolz, der Wille zum Festlichen bleiben hier selbst in Gedenkjahren aus. Dass es mittlerweile eine Goethe-Festwoche gibt und in diesem Jahr ein temporäres, an seine „Wilhelm Meister“-Romane erinnerndes Kunstwerk auf dem nach dem Dichterfürsten benannten Platz errichtet wurde, ist da schon bemerkenswert. Und gewiss ist auch das Programm zum Schopenhauerjahr sehr verdienstvoll und bietet eine Reihe interessanter Veranstaltungen.
Kein Raum zum Andenken
Das große Festival jedoch, die epochemachende Ausstellung, die etwa der Bedeutung seiner Philosophie für die Künste nachginge, sie finden zum 150. Todestag des Meisters nicht statt. Und niemand redet von einem Projekt, das längst hätte verwirklicht werden müssen: ein dauerhafter Ausstellungsraum, ein fester Schopenhauer-Ort. Schon weit fortgeschrittene Pläne, im Sterbehaus des Denkers an der Schönen Aussicht 16 ein Museum einzurichten, machte der Bombenhagel 1944 zunichte.
Kein Zweifel, er wollte vor allem seine Ruhe haben, gab den Griesgram, der mit seinem Pudel durch die Straßen spazierte, und äußerte sich abfällig über die Einheimischen. Darüber könnte man freilich großzügig hinwegsehen, schließlich hat der Mann Frankfurt zur Wahlheimat erkoren und vielerlei an der schon damals von Handel und Verkehr geprägten Stadt geschätzt.
Aber weder kümmert das die gebildeten Schichten besonders, noch ist es ins Bewusstsein der Bevölkerung gesickert, dass einer der ganz großen Denker fast 30 Jahre in Frankfurt verbracht hat. Während das Hegel-Haus in Stuttgart Besucher aus aller Welt anzieht, gibt es keinen Raum zum Andenken an den großen Querdenker, der den in Berlin zu Ruhm gelangten Württemberger als preußischen Staatsphilosophen verachtet hat. Im ganzen Land findet sich kein Schopenhauer-Haus. Frankfurt wäre die einzig richtige Stadt dafür.