Es ist keine drei Monate her, dass Martin Blessing seine neue Strategie für die Commerzbank vorgelegt hat. Ein Großteil der Eurohypo sollte abgewickelt werden, aber ein kleiner gesunder Teil sollte zusammen mit der Schiffsfinanzierung ein neues Kerngeschäftsfeld bilden. Der Schritt war von Anfang an aus der Not geboren. Die Zeiten, in denen Blessing seine Strategien noch hoffnungsvoll „Die neue Commerzbank“ oder „Roadmap 2012“ betitelte, sind lange vorbei.
Doch wie schnell der Vorstandsvorsitzende diesmal seinen Plan ins Gegenteil umkehrt - nichts anderes nämlich ist die nun bekanntgegebene Abwicklung von Schiffs- und Immobilienfinanzierung -, ist schon fast atemberaubend. Das Ziehen einer Reißleine sehen Analysten, die Aktionäre, die die Verstärkung der in hohem Maße von der Weltwirtschaftslage abhängigen Schiffsfinanzierung schon auf der Hauptversammlung im Mai geißelten, dürften sich bestätigt fühlen.
Existentielle Fragen
Die Mitarbeiter in Frankfurt, Eschborn und auch bei der Commerz Real in Wiesbaden können einem nur leid tun. Denn mag Blessings Hü und Hott von Außenstehenden mit einer Mischung aus Verwunderung und Mitleid zur Kenntnis genommen werden, so geht es für viele der Beschäftigten um existentielle Fragen. Seit vier Jahren bricht eine Hiobsbotschaft nach der anderen über die Frauen und Männer im Commerzbankturm und an den anderen Standorten des Kreditinstituts herein. Wer froh war, dass er nicht im Zuge der Übernahme der Dresdner Bank überflüssig geworden ist, wer Hoffnung schöpfte, dass seine Arbeitskraft für den Aufbau des neuen Geschäftsfelds „Schiffs- und Immobilienfinanzierung“ gebraucht würde, für den bedeutet jeder Strategieschwenk neue Unsicherheit.
Es sind harte Zeiten für die Finanzbranche. Der Hypotheken- und Bankenkrise folgte die Staatsschuldenkrise, die weiter grassiert. Hinzu kommen schärfere Regeln, die teilweise teuer für die Banken sind. Jedes Haus hat damit zu kämpfen. Doch kaum eine deutsche Bank wirkt dabei so hilflos wie die Commerzbank. Immer wieder muss Blessing Löcher stopfen in einem schwer angeschlagenen Schiff. Wann er wieder das Ruder übernehmen und einem klaren Kurs folgen kann, ist nicht absehbar.