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Kommentar : Hochfliegende Träume in Kassel-Calden

Probelauf: Im Januar fertigte der Regionalflughafen schon einmal Testpassagiere ab Bild: dpa

Ganze 14 Verbindungen in der Woche sind vorgesehen, hinzu kommen neun einmalige Sonderflüge. Kein Wunder, dass Kassel-Calden nicht wegen des Fluglärms umstritten ist, sondern wegen der immensen Kosten.

          Sieben Tage Mallorca, Flugreise mit Halbpension für 452 Euro pro Person, Unterbringung im Doppelzimmer. Durch den neuen Flughafen Kassel-Calden rückt der sonnige Süden künftig ganz nah an Nordhessen heran. Die im Sommerflugplan offerierten Ziele auf den Balearen, an der türkischen Riviera und auf den Kanarischen Inseln sind zwar attraktiv, das Angebot von Touristik- und Fluggesellschaften ist aber noch stark ausbaufähig. Ganze 14 Verbindungen in der Woche sind vorgesehen, hinzu kommen neun einmalige Sonderflüge.

          Kein Wunder, dass Kassel-Calden nicht wegen des Fluglärms umstritten ist, sondern wegen der immensen Kosten. 270 Millionen Euro lassen sich Land, Stadt und Kreis Kassel sowie die Gemeinde Calden das Projekt kosten, und schwarze Zahlen sind auf Jahre hinaus nicht in Sicht. Zwar verliefen die Bauarbeiten ohne Schwierigkeiten, und der Zeitplan wird eingehalten, doch könnte die Eröffnung am 4. April kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen.

          Flughafen 70 Kilometer entfernt

          Weltweit ist der Luftverkehr in der Krise, eine für den nordhessischen Regional-Airport vorgesehene Fluggesellschaft hat schon Konkurs angemeldet. Die wenigen Flughafenbetreiber, die noch Geld verdienen, profitieren von großzügigen Einkaufsmöglichkeiten und nicht in erster Linie vom Abfertigen von Passagieren und Fracht.

          In Nordhessen weist man darauf hin, dass Calden eine Investition in die Zukunft sei, mit der einer aufstrebenden Region noch mehr Schwung verliehen werde. In Euro und Cent lasse sich dieser Gewinn nicht beziffern, allenfalls mit der Zahl neuer Arbeitsplätze. Mit der Entfernung zu Kassel wächst allerdings das Unverständnis. Dass Nordhessen auch ohne den Regionalflughafen schon prosperiere, sei Beleg dafür, dass sich mit den 270 Millionen weitaus Sinnvolleres hätte bewerkstelligen lassen, monieren Grüne und Linkspartei im Wiesbadener Landtag.

          In Paderborn, nur 70 Kilometer entfernt von Calden, gibt es zudem einen mehr schlecht als recht funktionierenden Regionalflughafen, der durch die Konkurrenz zusätzlich in Bedrängnis gerät.

          Verständliche Kritik

          So gesehen, ist der Neubau des Flughafens Kassel-Calden ein Vabanquespiel, bei dem die Protagonisten am Ende nur an Erfahrung reicher sein werden. Die Kritik, Steuergeld werde an der falschen Stelle ausgegeben, ist daher verständlich. Und das umso mehr, als der Steuerzahler auf unabsehbare Zeit weitere Millionen für den Betrieb des nordhessischen Regional-Airports aufbringen muss.

          Ralf Euler

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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          Quelle: F.A.Z.

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