03.12.2009 · Herausragende Kulturschätze gehören ins Museum, in die Öffentlichkeit, in Räume, wo sie allen zugänglich sind. Dies ist Konsens in nachfeudalen Staaten. Allein, die Besitzverhältnisse, sie sind nicht immer so. Wie das Beispiel der Holbein-Madonna zeigt.
Von Michael HierholzerHerausragende Kulturschätze gehören ins Museum, in die Öffentlichkeit, in Räume, wo sie allen zugänglich sind. Dies ist Konsens in nachfeudalen Staaten. Allein, die Besitzverhältnisse, sie sind nicht immer so. Manche hochbedeutende Kunstwerke, die in privater Hand sind, wurden schon aus Ausstellungshäusern abgezogen.
Nun droht der Darmstädter Holbein-Madonna, die derzeit noch im Frankfurter Städel zu sehen ist, ein ähnliches Schicksal. Nachdem die adelige Erbengemeinschaft die Verhandlungen mit einem hessischen Konsortium aus politischen und kulturellen Institutionen, Stiftungen und Mäzenen abgebrochen hat, ist die Zukunft des einzigartigen Gemäldes ungewiss.
Da es im Verzeichnis der national bedeutenden Kulturgüter steht, darf es zwar nicht aus Deutschland ausgeführt werden. Ob und in welcher Weise es allerdings künftig gezeigt wird, steht in den Sternen. Dabei handelt es sich bei dem Ausnahmebild, das von den Kunsthistorikern als nordeuropäische Entsprechung der Sixtinischen Madonna von Raffael bewertet wird, um ein mit Hessen und seiner Geschichte eng verbundenes Werk.
Für viele ist es, ungeachtet der Querelen zwischen Frankfurt und Darmstadt über seinen Verbleib, mittlerweile auch zu einem Symbol für die im Werden begriffene Rhein-Main-Region geworden. So wäre der angemessene Platz für die Muttergottes-Darstellung mit den derb-realistisch gemalten Stifterfiguren weiterhin jenes Kunstmuseum, das mit seinem Altmeister-Umfeld und seinem internationalen Renommee die besten Voraussetzungen für eine glanzvolle Präsentation bietet: das Städel. Wobei die Holztafel in ihrer angestammten Heimat Darmstadt einen musealen Zweitwohnsitz haben könnte. Dergleichen war offenbar auch vorgesehen, hätte es eine hessische Lösung gegeben.
Bleibt zu hoffen, dass die Verhandlungen noch einmal aufgenommen werden. Wenn nicht vom Haus Hessen, von wem sonst sollte man Regionalpatriotismus verlangen? Und das republikanische Hessen sollte wissen, dass die Madonna nicht nur von unschätzbarem kunsthistorischem Rang ist, sondern auch einen bleibenden materiellen Wert darstellt. Da lohnte sich selbst eine höhere Investition.