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Kommentar : Grüne Neubelebung

Eine Frau kommt, eine Frau geht: Die hessische Landesvorsitzende Daniela Wagner zieht für die Grünen in den Bundestag ein - und schafft Platz für Grünen-Abgeordnete Angela Dorn.

          Mit dem Rückzug der neu gewählten Bundestagsabgeordneten Daniela Wagner vom Parteivorsitz und der sich abzeichnenden Übernahme des Führungsamtes durch die Landtagsabgeordnete Angela Dorn sorgen die hessischen Grünen ein Jahr vor der Landtagswahl für geordnete Verhältnisse. Eine Entscheidung für die 35 Jahre alte Kandidatin Dorn wäre gleichzeitig ein Signal der Verjüngung und des Aufbruchs an der traditionell von einer Frau und einem Mann besetzten Doppelspitze der Grünen.

          Die Marburgerin und ehemalige Landesvorsitzende der Grünen Jugend steht, mehr noch als Wagner, für die Eigenständigkeit einer Partei, die in Hessen reibungslos Politik gestaltet, in einem für viele an der Basis allerdings ungeliebten Bündnis mit der CDU. Dorn könnte die richtige Frau zur richtigen Zeit sein, denn tatsächlich ist es nach wechselseitigen Vertrauens- und Freundschaftsbekundungen sowohl für die Grünen als auch für die Union an der Zeit, das eigene Profil zu schärfen.

          „Grün tut Hessen gut“, konstatiert Daniela Wagner seit vier Jahren im Duett mit ihrem Ko-Landesvorsitzenden Kai Klose. Diese Feststellung ist nicht in jedem Fall mit Inhalten unterlegt, war aber zur Stärkung des Selbstbewusstseins lange Zeit unabdingbar, und Wagner vermochte sie mit großer Überzeugungskraft vorzutragen. Die Darmstädterin, Ehefrau des in ihrer Heimatstadt mit einer grün-schwarzen Koalition regierenden Oberbürgermeisters Jochen Partsch, vermittelte den Zweiflern in den eigenen Reihen das Gefühl, dass das Bündnis mit der als extrem konservativ verschrienen Hessen-Union am Ende für das Land und für die Partei ein Gewinn sein könnte.

          Wagner gehört auch zu jener Minderheit couragierter Realpolitiker bei den Grünen, die schon lange vor der Bundestagswahl dafür plädierten, mit allen Parteien außer der AfD Gespräche über eine Regierungsbeteiligung zu führen. Nach der Absage der SPD an eine Fortsetzung der großen Koalition kann sie womöglich ihre Erfahrungen mit Schwarz-Grün in Hessen gewinnbringend in die Gespräche über eine mögliche Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen in Berlin einbringen. So mancher Bundes-Grüne kann ein wenig Ermunterung auf dem Weg in eine ungewisse karibische Zukunft durchaus gut gebrauchen.

          In Hessen wäre es an Angela Dorn, dafür zu sorgen, dass die Grünen vom mittlerweile fast betulichen Regierungsmodus wieder auf Angriff umschalten. 9,7 Prozent auf Landesebene bei der Bundestagswahl können für eine Partei, die bei der Landtagswahl 2013 noch gut elf Prozent erreicht hatte, jedenfalls nicht das Maß der Dinge sein. Die leidenschaftliche Umweltpolitikerin Dorn stünde als Parteichefin für die Rückbesinnung auf das grüne Kernthema.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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