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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Furcht vor dem Frankfurter Bannstrahl

 ·  Unter anderem aus München sind Zweifel laut geworden, dass ein Bild im Frankfurter Städel tatsächlich von „Raffael und Werkstatt“ stammt. Vielleicht aber ist die Sache schlicht ein komplexer Fall, der nicht ganz so einfach zu klären ist.

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Dresden besitzt die Sixtinische Madonna mit den berühmtesten beiden Engelchen der Kunstgeschichte. Vor allen ihnen ist es zu verdanken, dass der Name des Malers Raffael auch heute noch einen Zauber auf sehr viele Menschen ausübt. So populär wie er ist kein anderer alter Meister. Glücklich das Museum, das sich mit einem herausragenden Gemälde des Italieners schmücken kann. Seit etwa einem Jahr glaubt auch das Frankfurter Städel zum erlauchten Kreis der Häuser zu gehören, die ein bedeutendes Werk des Renaissance-Malers ihr Eigen nennen. Seit der Wiedereröffnung der Altmeister-Galerie wird das „Bildnis des Papstes Julius II.“ dort an prominenter Stelle präsentiert.

Der Blick der Besucher fällt unweigerlich auf dieses Porträt. Es zeigt den Pontifex maximus als nachdenklichen alten Mann, an dessen Machtfülle gleichwohl kein Zweifel besteht. Solche allerdings gibt es an der Autorschaft des Bildes. „Raffael und Werkstatt“: Daran wollen manche nicht glauben. Eine Kopie sei das Werk, als dessen Urfassung ein in London beheimatetes Bild gilt, eine mittelmäßige noch dazu. Aus München kamen jetzt wieder besonders scharfe Töne. Aber auch Einwände, die erst einmal plausibel klingen. Dass sich die Fachleute noch nicht entschieden gegen die Zuschreibung des Städel gewandt hätten, hänge mit der Furcht vor dem Einfluss dieser Institution und ihres Leiters Max Hollein zusammen, wird in Bayern vermutet. Ein überraschender Gedanke, dass sich die gesamte kunsthistorische Forscherzunft vor einem Bannstrahl aus Frankfurt fürchtet.

Vielleicht aber ist die Sache mit dem Papstbild schlicht ein komplexer Fall, der nicht ganz so einfach zu klären ist. Einen gewissen Wagemut brauchte es schon, das Bild Raffael und seiner Werkstatt zuzuschreiben, was nichts anderes heißt, als des Meisters Hand zumindest in Teilen des Werks zu erkennen. Aber es gibt auch gute Argumente dafür. Im Städel vertraut man den naturwissenschaftlichen Analysen, die gezeigt haben, dass hier jemand am Werk war, der erst noch zu einer Bildfindung gelangen musste. Ein Kopist hätte sich am Original orientieren können und nichts ausprobieren müssen.

Das Spiel von Zu- und Abschreibungen ist so alt wie Kunsthandel und Museumswesen. Solange sich die Wissenschaft nicht unisono gegen die Städel-Deutung ausspricht, bleibt der Frankfurter Raffael ein Raffael.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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